Ob „Heavenly Creatures“ (1994), „Gia“ (1998), „Lost and Delirious“ 2001) oder „Monster“ (2003): In all diesen Erzählungen endete die Dynamik tödlich – nicht selten für die Hauptfigur selbst. Liest man sie auf ihre Codes hin, bleiben die Figuren hier randständige lesbische Existenzen, gebunden an Destruktion.
„The Beast in Me”: Aggie sieht Dinge, die andere nicht sehen
Aggie und Carol sind anders. Nicht, weil sie weniger verletzt, weniger wütend wären oder keine destruktiven Züge in sich trügen. Ihr Wesen aber bedeutet nicht zuerst (Selbst-)Zerstörung, sondern ist in ihren jeweiligen Welten essenziell, um Bedeutendes in Gang zu setzen.
In „The Beast in Me“ zeigt sich das ganz konkret: Aggie ist Schriftstellerin, leidet aber seit dem Tod ihres Sohnes an einer Schreibblockade. Ihre Frau hat sich von ihr getrennt und Aggie hat eine gefährliche Neigung zum Alkohol entwickelt. Ihr Leben ist geprägt von Stillstand – bis ein neuer Nachbar (Matthew Rhys) auftaucht. Zunächst ist da nur Unbehagen, schließlich ein Verdacht. Was als Ausweg aus der eigenen Leere beginnt, entwickelt sich zur Nachforschung, die Wichtiges ans Licht bringt.
Aggies Wesen ist kein Hindernis, sondern die Voraussetzung für ihren besonderen Blick: Sie fühlt sich angezogen vom Sonderbaren, weil sie nicht integriert ist in die soziale Ordnung ihrer Umgebung.
„Pluribus“: Die lesbische Carol tanzt aus der Reihe
„Pluribus“ erzählt von einer ähnlichen Dynamik, allerdings in einer radikal anderen Welt: Ein Virus hat nahezu die gesamte Menschheit infiziert und in dauerhaft glückliche Wesen verwandelt – friedlich, aber ohne eigenen Willen.
Carol gehört zu den wenigen Immunen und lebt in dieser neuen Ordnung als Fremdkörper. Während die meisten Menschen das neue Glückssystem akzeptieren, hadert sie mit dieser Ordnung, dem Verlust jeglicher Individualität, und lehnt sich dagegen auf.
Queere Frauen mischen das Kino auf
Damit stehen Aggie und Carol näher bei den wütenden Frauen des aktuellen Kinos als bei den „wütenden Lesben“ früherer Jahrzehnte. Gänzlich neu ist dieser Figurentypus übrigens nicht. Auch Lisbeth Salander – bisexuell, radikal, kompromisslos – trug ihn bereits in sich: Als Wahrheitssucherin, Systemgegnerin, Einzelgängerin, mit mehr Wut im kleinen Finger als Carol und Aggie zusammen.
Womöglich belegt man queere Frauen gern mit der Eigenschaft, gegen den Strom zu schwimmen, weil man ihnen unterstellt, aufgrund ihrer Sexualität ohnehin außerhalb etablierter Strukturen zu stehen, und es ihnen nichts ausmacht, anzuecken. Vielleicht ist das ein Stereotyp, vielleicht aber auch oftmals bloß die Wahrheit.
„The Beast In Me“, USA 2025, Netflix | „Pluribus“, USA 2025, Apple TV