Viele versuchen zu fliehen
„Wir vergeben Stipendien, damit die Frauen einen Computer und eine Büroausstattung kaufen können. Das Programm dauert ein Jahr und soll ihrer Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt entgegenwirken“, berichtet François Zankih.
Trotz dieser Unterstützung haben die meisten trans Frauen nur einen Traum: Syrien zu verlassen. Seit dem Sturz des Assad Regimes haben rund 400 Kontakt zu Helem aufgenommen, einer Organisation, die sich im Nachbarland Libanon für die Rechte der LGBTIQ*-Community einsetzt. Sie ist die erste Anlaufstelle für queere Geflüchtete aus Syrien.
Grace spielt eine Person, die sie nicht ist
Doch die Reise ist ein gefährliches Unterfangen, das auch bedeutet, das eigene Leben in die Hände von Schmuggler:innen zu legen. Im Dezember 2024 verschwanden vier trans Frauen auf dem Weg in den Libanon – eine Geschichte, die eine weitere trans Frau tief geprägt hat und sie bis heute in Angst versetzt. Wir nennen sie Grace.
Die gerade achtzehn Jahre alte Frau kann sich nicht vorstellen, dieses Risiko einzugehen. Grace ist in einen großen weißen Mantel gehüllt, der im Gegensatz zu ihrer zerbrechlichen Erscheinung steht. Ihr Leid wird schon nach wenigen Sekunden spürbar. „Ich verbringe mein Leben damit, hetero zu spielen. Ich hasse mein Aussehen. Es macht mich völlig fertig“, vertraut sie mir leise in einem Café in der Altstadt an.
Grace wurde in eine religiöse Familie hineingeboren. Ihr Vater starb, als sie noch jung war. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen, die die wahre Identität ihres Kindes lieber ignoriert. Auch zu Hause hat sich die junge Frau daran gewöhnt, in die Rolle einer Person zu schlüpfen, die sie nicht ist.
Konversionstherapien sind in Syrien weit verbreitet
Doch als ihre Mutter intime Nachrichten entdeckt, die sie mit einem Jungen ausgetauscht hat, zerbricht das Bild der Mutter von ihrem Kind. Die Strafe folgt prompt. „Nachdem sie diese Nachrichten gefunden hatte, gingen wir zu meinem Onkel, und er hat mich verprügelt“, erzählt Grace und zeigt Fotos ihres blauen, geschwollenen Auges.
„Dann brachte sie mich zu einem Psychologen für eine Konversionstherapie. Er versuchte, mir Schuldgefühle einzureden und meine sexuelle Identität zu ändern. Ich bin nie wieder hingegangen.“
Konversionstherapie ist in Syrien weit verbreitet und die Traumata, die diese Praktiken verursachen, gehen mitunter weit über psychische Gewalt hinaus. „Wir haben zahlreiche Berichte von Betroffenen, die von Folter berichten, darunter der Einsatz von Stromstößen durch die Psycholog:innen selbst“, sagt François Zankih.
Träumen von einem besseren Leben
Wie viele trans Frauen findet auch Grace online Trost bei ihren Freund:innen. Sie hatte eine Instagram-Seite, auf der sie sich frei ausdrücken konnte – doch ihre Klassenkamerad:innen entdeckten sie schnell. „Nach der Schule wartete ein junger Kerl auf mich und stach mir ins Handgelenk. Danach redeten die Lehrer nicht mehr mit mir“, erzählt Grace mit gesenktem Blick.
Es fällt ihr schwer, sich eine Zukunft vorzustellen – gefangen zwischen einer Familie, die sie ablehnt, einer gewaltvollen Schulumgebung und einer Gesellschaft, die sie ausschließt. Sie flüchtet sich in ihre Träume, und davon hat sie viele. „Ich möchte ins Ausland gehen, meine Transition machen, Apothekerin werden, aber vor allem meine eigene Band gründen. Wenn ich Gitarre spiele, bin ich glücklich und vergesse alles“, sagt sie und lächelt zum ersten Mal während des Gesprächs.
Für einen Moment scheint die Gewalt der Realität zu verblassen. Im Raum ihrer Fantasie stellt sie sich anderswo vor, anders gesehen, frei in ihrem Körper und ihrem Selbstbild.
Den Namen Grace hat sie nicht zufällig gewählt. Sie hat ihn sich von Grace Zakk geliehen, einem syrischen Model – der Verkörperung eines Ideals, das ihr hier verwehrt bleibt. Ein Name als Zufluchtsort, ein stilles Versprechen.
In einem Land, das versucht, sie auszulöschen, erschafft sich Grace eine andere Existenz – zerbrechlich und nach innen gekehrt –, in der sie für einen Augenblick atmen und sie selbst sein kann.