Bei jenen hingegen, die diese Stellung wirklich mögen – und die gibt es! –, spielt vor allem die emotionale und körperliche Nähe zur Partner:in eine Rolle. „Wenn es richtig gemacht wird, ist das eine absolut intime Erfahrung“, sagt Stella. Katia mag die starke Verbindung, die die beiden Körper eingehen können: „Es ist mal was anderes, den Körper des oder der Anderen ganz zu sehen.“ Und Stef findet, „Scissoring“ könne immer dann „extrem gut sein, total anregend, wenn beide sich gut platzieren können und gelenkig sind“.
Für Tina ist die Scherenstellung eine Möglichkeit, das Liebesspiel zu intensivieren: „Es ist kein Ziel an sich, bis zum Orgasmus zu kommen. Der Aufbau der Erregung kann darüber erfolgen, oft ist es ein Mittel, um zu anderen Dingen und noch mehr Erregung zu gelangen.“
„Das Einzige, was Heteros über Lesbensex wissen“
Abgesehen von den rein praktischen Aspekten stehen manche Lesben „Scissoring“ auch deshalb skeptisch gegenüber, weil diese Praktik von der Pornoindustrie aufgegriffen wurde. In Mainstreampornos, die vor allem von und für heterosexuelle Männer produziert werden, zeigen die als lesbisch bezeichneten Sexszenen oft zwei Frauen in dieser Stellung, inszeniert in teils unrealistischen Posen, die darauf abzielen, den „Male Gaze“ zu befriedigen.
Der Eindruck entsteht, dass „Scissoring“ – neben Penetration mit Dildos oder Oralsex – die einzigen existierenden lesbischen Sexualpraktiken wären. Eine falsche Darstellungsweise, die so manche Lesbe davon abbringen kann, selbst Lust auf die Scherenstellung zu entwickeln.
„Ich habe den Eindruck, dass es unter Lesben eine Ablehnung davon gibt, weil es das Einzige ist, was Heteros über Lesbensex wissen“, sagt zum Beispiel Jenny gegenüber L-MAG.
Auf dem australischen Newsportal Refinery 29 geht die Autorin Sophie Saint Thomas ein Stück weiter in der Analyse und schreibt: „Es herrscht der Mythos, dass Lesben nur auf diese Weise Sex haben.“ In gewisser Weise sei die Scherenstellung so etwas wie die „queere-weibliche Version der 69er- Stellung der Heteros. Ja, es wird praktiziert; manche lieben es, manche hassen es, aber es ist nicht die ultimative Stellung. Mit anderen Worten: Es ist nicht die lesbische Version des Missionarssex.“
Die Überbewertung von „Scissoring“ durch die hetero Mainstreamgesellschaft kann der Praktik ihren Reiz nehmen. „Weil es ein Klischee ist“, wie Jenny betont. Und bei vielen als unecht verschrieen sei. „Dabei sollten wir uns unsere Kultur und unser Begehren wieder aneignen und das Recht haben, die Scherenstellung auszuprobieren, sie zu lieben und darüber zu sprechen.“ Und der Praktik damit den richtigen Platz in unserem sexuellen Erleben zu geben: als eine Option unter vielen anderen.
Mit Geduld, Zeit und Spaß
Auf einer praktischen Ebene ist es wichtig, wenn man „Scissoring“ ausprobieren möchte, sich gegenseitig genug Zeit einzuräumen, um eine bequeme Stellung zu finden. Eine, die es ermöglicht, dass beide Intimbereiche sich an der richtigen Stelle treffen und bei der man auch ein bisschen beweglich bleiben kann.
Es gibt nicht die eine Scherenstellung, sondern viele verschiedene, die sehr unterschiedlich aussehen, gestaltet und erlebt werden können. Das US-amerikanische, queere Magazin them hat einen kleinen Guide veröffentlicht und einige Varianten vorgestellt: „Für manche funktioniert es am besten, wenn eine Partner:in auf dem Rücken liegt, die Beine angewinkelt und gespreizt, während die andere Person seitlich sitzt. Andere sagen, es fühle sich am besten an, wenn man nebeneinander liegt, die Beine an den Knien angewinkelt, und sich aneinander reibt.
Man kann auch versuchen, sich im Sitzen bequem gegenüberzusitzen oder sogar Fuß an Fuß zu liegen und sich nach unten zu bewegen, bis sich die Genitalien berühren. Zwei weitere Tipps von L-MAG hierzu: viel Gleitgel und optional auch Sextoys wie Vibratoren benutzen, die die Stimulation bei beiden Partner:innen intensivieren können.
Und wie immer gilt die goldene Regel: Weitermachen nur solange es Spaß macht!