Aufstieg in der Wiener Kunstszene
Und hier verfestigen sich die Widersprüche: Hollenstein tritt bereits vor dem „Anschluss“ Österreichs in die NSDAP ein und steigt zu einer zentralen Figur im Wiener Kunstapparat auf. Besonders ihre Landschaftsmalereien sind gefragt. Dank ihres „Dienstes am Vaterland“ wird sie von Männern im Kunstbetrieb ernst genommen. Sie wird Präsidentin der Vereinigung Bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ), organisiert Ausstellungen und schlägt 1941 sogar vor, ein Frauenkunstmuseum zu schaffen. Ein feministischer Vorstoß? Sicher nicht, denn es fällt ihr nicht schwer, die misogynen, rassistischen und antisemitischen Ideologien des NS-Regimes zu reproduzieren.
Karriere in einem totalitären System
Hollenstein lebt weiterhin offen lesbisch, wird aber im Kulturapparat des „Dritten Reichs“ akzeptiert. Das ist eine bemerkenswerte Ausnahme innerhalb einer Ideologie, die Homosexualität vehement ablehnt. Dieser Widerspruch ist nicht nur biografisch, er ist strukturell: Hollenstein verknüpft queere Identität und Patriotismus so miteinander, dass sie in einem totalitären System nicht nur überlebt, sondern sogar Karriere machen kann. Während andere Künstler:innen als „entartet“ verfolgt werden, verdient Hollenstein so viel Geld wie nie zuvor.
Hollensteins Geschichte wurde lange verschwiegen
Dass sie ihren Erfolg auch jüdischen Mäzenen und Kund:innen verdankt, kehrt sie bewusst unter den Teppich, ihren Antisemitismus hingegen nicht. Der zeigt sich in Schriften der Zeit: Hollenstein war keine „Mitläuferin“, sondern überzeugte Nationalsozialistin.
Stephanie Hollenstein starb 1944 in Wien. Ihr Nachlass, über 1200 Werke und Dokumente, liegt heute in Lustenau. Erst in den letzten Jahrzehnten rückten Homosexualität und politische Verstrickung in den Fokus der Forschung – lange wurde beides verschwiegen.
Mit der Biografie „Hitlers queere Künstlerin“ leistet die Kulturjournalistin und Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer einen wichtigen Beitrag zur kritischen Aufarbeitung von Hollensteins Geschichte.
Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit
Was an Stephanie Hollenstein so irritiert, ist keine historische Einmaligkeit. Auch heute gibt es Biografien, in denen persönliche Lebensrealitäten im Widerspruch zu den politischen Überzeugungen stehen. Das prominenteste Beispiel dafür ist sicher AfD-Chefin Alice Weidel. Trotz einer langjährigen Beziehung und Ehe sowie zwei Kindern mit einer Frau distanziert sich Weidel öffentlich von queeren Bewegungen und führt eine Partei, deren Programm traditionelle Familienwerte betont und gegen LGBTIQ*-Rechte agitiert.
Der Kern dieses Paradoxons ist eine Machtfrage: Welche Teile der eigenen Identität werden sichtbar, wenn sie politisch nützlich sind, und welche verschwinden, wenn sie der ideologischen Linie widersprechen?
Hollenstein zeigt, dass man sich während der NS-Zeit selbst verraten konnte, um aufzusteigen. Und Weidel bestätigt, dass man das heute noch kann.