Aus dem Heft

Wilhelmine: Eine Stimme, die entführt

Die Sängerin Wilhelmine aus Berlin hat nach den musikalischen Durchbruch geschafft. Im April erschien ihre Platte „Komm wie du bist“. Mit L-MAG plauderte sie über ihre Liebe zu Frauen, Fußball und ihr Eintreten für ein offenes Lesbischsein

Von Jana Schulze

12.05.2020 – Diesen 11. Oktober 2019 wird sie wohl nie vergessen: 2.000 Menschen stehen da im Berliner Admiralspalast und lauschen ihren Worten, ihrer Stimme, ihren Melodien. Es ist der Tag, an dem die Berliner Sängerin Wilhelmine ihren Song „Meine Liebe“ herausbringt: „In dem Moment dachte ich: ,Jetzt steh’ ich hier am Geburtstag meines ersten eigenen Liedes, zeige dabei sehr viel Privates und dann hören mir das erste Mal so viele Menschen zu und sind interessiert an dem, was ich erzähle. Irre!, erzählt die zarte Blondine im Interview mit L-MAG. Denn die Jahre zuvor seien musikalisch kein Zuckerschlecken gewesen: Mit ihrem Duett-Partner David Hirst hatte Wilhelmine, die im Juni 30 Jahre alt wird, „auf so vielen Bühnen gestanden und kaum jemand hatte zugehört, da war die Aufmerksamkeit eher beim Getränkestand als bei uns!“

Wer Wilhelmine, die als Künstlerin ihren Nachnamen weglässt, auf der Bühne zuschaut, die sieht eine feine Person, ein zartes Wesen mit glattem, naturblondem Haar, kaum 1,60 Meter groß. Aber in dem Moment, in dem ihre Stimme zum Gesang anhebt, ist ihre Unscheinbarkeit weggewischt, wird sie kraftvoll und zauberhaft. Was sie sagt und wie sie singt, das lebt sie auf der Bühne, in jeder Bewegung. Und kommt ihr in kleinen Bars das Publikum gefühlt zu nah, scheint sie das nicht zu stören. Wohl, weil sie froh ist, dass ihrer großartigen Stimme Gehör geschenkt wird – zu Recht. Und sie gibt diese Erfüllung charmant zurück. Aufgewachsen ist die Künstlerin in Berlin-Kreuzberg. Dort hatten sich ihre Eltern in einem besetzten Haus das Dachgeschoss ausgebaut. Mitte der 1990er Jahre, als Wilhelmine sechs Jahre alt war, zog die Familie in eine mittelgroße Stadt ins Wendland – „weil meine Eltern ein Teil der Bewegung waren, die gegen die Atommüll-Transporte protestierte“. Dort ging sie dann bis zum Abitur in die Schule.

Der Traum, Musikerin zu sein, war da noch fern: „Ich wollte alles werden und das am liebsten gleich­zeitig, inklusive Fußball-Profi. Damals fing ich an, Fußball zu spielen und war ganz vernarrt darin“, erzählt Wilhelmine. „Ich habe den Teamsport geliebt und es war der Sport, in dem ich mich am wohlsten gefühlt habe.“

Ihr Gesangstalent entdeckte ein Musiklehrer als sie elf war: „Ich sollte im Musikunterricht das neue Headset von meinem Lehrer ausprobieren und das hat dazu geführt, dass mich die ganze Klasse über Laut­sprecher gehört hat und am Ende meinte, dass ich super singen könne.“ Von da an trat sie auf Schulkonzerten auf, gründete ihre erste Band „Direkt“ mit vier Mädels: „Wir haben deutsche Songs gecovert und Straßen­musik gemacht, auf selbst gebauten Bühnen gespielt und haben geschaut, wie es sich anfühlt vor Menschen aufzutreten.“

Im Wendland verliebte sie sich in die erste Frau, ein Mädchen aus der Theater-AG – und erfuhr zugleich das erste Mal Homophobie: „Als ich mit 16 meine erste feste Freundin hatte, gab es bei den Fußball-Turnieren von den gegnerischen Mannschaften ab und an blöde Bemerkungen – als würde ich jetzt auf alle Frauen gleich­zeitig stehen.“ Nach dem Abitur ging Wilhelmine ins spanische Baskenland, wo sie ein Jahr lang als Au-Pair-Mädchen arbeitete. Danach war für sie klar: Es geht zurück in die deutsche Hauptstadt. Dort spielte sie mit der Gitarre auf der Straße, coverte deutsche Bands wie AnnenMayKantereit: „Ich habe viele Stunden an der U-Bahn-Station Senefelder Platz verbracht“, erzählt sie und lacht. Der Traum, als Musikerin zu leben, wächst – das erste Mal schreibt sie eigene Songs und textet zeitgleich Lieder für andere aus dem Pop- und Schlagerbereich. „Durch diese Zusammenarbeit mit den Kollegen habe ich mich stark weiterentwickelt, aber ich musste immer mit Nebenjobs mein Leben finanzieren.“

„Ich positioniere mich, bin mit einer Frau zusammen“

Diese Zeit sei nicht einfach gewesen, aber sie gab nicht auf. Vor zwei Jahren kam sie dann bei ihrer heutigen Plattenfirma Warner unter Vertrag. Für die lesbische Gemeinschaft produziert sie in dieser Zeit mit einer Freundin den YouTube-Kanal „The NoisyRosy“: „Zwei Jahre lang haben wir dort jeden Donnerstag vor laufender Kamera alles rund ums Thema Coming-out bequatscht“. Und zur gleichen Zeit wird sie im Alltag angepöbelt, mit einer Wasserflasche und anzüglichen Worten beworfen: So muss sie sich mit ihrer Freundin im Berliner Einkaufszentrum Alexa anhören: „Ihr braucht doch nur den richtigen Mann!“.

Mit ihrer derzeitigen Partnerin, einer PR-Frau, ist sie seit zwei Jahren zusammen. Nun denkt sie gerade über „Nestbau“ nach und möchte gern eine eigene kleine Familie, will dabei dennoch für die Community aktiv bleiben: „Ich positioniere mich, bin mit einer Frau zusammen, gehe damit offen um und möchte gern andere Künstlerinnen ermutigen, sich zu outen. Und ich werde auf jeden Fall auf CSDs spielen!“.
 
Mit dem Song „Meine Liebe“ schaffte sie endlich den erhofften Durchbruch, ausgerechnet mit ihrem Coming-out-Lied. „Ich habe in Worte gepackt, welche Erfahrungen ich mit meinen Gefühlen gemacht habe.“ Die Liebe zu einem Mädchen, der Umzug vom Dorf in die Stadt, den Mut haben zu sagen, das sie eben liebt wie und wen sie liebt. Die Menschen im Berliner Admiralspalast sind im Oktober 2019 magnetisiert von der kleinen Frau mit der großen Stimme und ihrem Gitarristen. Wilhelmine lässt einen inne halten und tanzen zugleich; wickelt mit ihren Grübchen die Zuhörerin ein und verführt mit ihren rhythmischen Handbewegungen. Sie erzählt: „Ein Mädchen schrieb mir, sie habe ,Meine Liebe‘ an Verwandte und Freunde geschickt und sich damit geoutet – das finde ich unfassbar, dass ich ein Lied geschaffen habe, das Leute ,benutzen‘ können, um Dinge zu sagen, die sie sich selbst nicht trauen auszusprechen. Das ist unfassbar – schön!“      


EP „Komm wie du bist“
(Warner Music) Die dazugehörige Debüt-Tour
wurde verschoben


www.wilhelminesmusik.de

Dieser Text erschien zuerst in der Mai/Juni-Ausgabe, hier bestellbar als E-Paper.

 

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