Aus dem Heft – #BlackLivesMatter

Dope Saint Jude: Feministische Punchlines

7.8.2020 - Meinungsstark, lesbisch und absolut tanzbar: Die südafrikanische Rapperin Dope Saint Jude startet durch. Ihre Songs sind Hymnen mit Durchschlagskraft.

Von Mareike Lüttge


18.08.2020 – Dope Saint Jude aus Kapstadt bringt neue Beats, queer-feministische Punchlines und einen intersektionalen Anspruch in die Hip-Hop-Szene. Groß geworden in armen Verhältnissen, nimmt die Rapperin das Erbe der Apartheid, Alltagsrassismus in Südafrika und Geschlechterverhältnisse aufs Korn. Und produziert dabei Hymnen, die zum gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung aufrufen. Im Gespräch mit L-MAG vor ihrem Konzert in Berlin ist Dope Saint Jude ebenso schlagfertig wie interessiert.

Dope Saint Jude: L-MAG ist ein lesbisches Magazin, oder? Das ist fantastisch, es gibt davon inzwischen viel zu wenige. Gerade benutzen alle das Wort queer, was sehr inklusiv ist. Das ist auch mein Ansatz. Gleich - zeitig vermisse ich aber auch exklusive Orte. Ich bin oft nur mit meinen lesbischen Freundinnen zusammen und schätze das sehr, es sind ganz besondere Gespräche, die dabei entstehen. Beim queeren Ansatz vermisse ich manchmal das „Dyking Out“ (das lesbische Ausgehen, Anm. d. Red.) mit meinen Freundinnen.

Wie ist denn die lesbische Szene in Kapstadt?

In Kapstadt ist die Szene definitiv mehr queer als lesbisch, eine rein lesbische Gemeinschaft gibt es nicht wirklich, obwohl ein paar ältere Lesben auch Partys exklusiv für Frauen veranstalten. Aber der Trend geht hin zu queeren Räumen, was sehr cool ist. Die Szene in Kapstadt ist groß und gibt viele Räume, eine Art Schmelztiegel von progressiv Denkenden.

Würdest du dich neben deinem Dasein als Musikerin auch als Aktivistin bezeichnen?

Bis zu einem bestimmten Punkt vielleicht, aber mein Aktivismus zeigt sich eher durch meine Kunst. Ich würde mich nie mit Menschen vergleichen, die wirkliche Basis - arbeit oder was real Greifbares machen. Das ist nicht das, was ich mache. Ich denke, Künstlerinnen und Künstler können mit ihrer Fähigkeit, das Bewusstsein von Menschen zu verändern, auch aktivistisch sein. Aber ich möchte nicht die harte Arbeit von anderen vereinnahmen. Manche Menschen widmen ihr Leben dem Helfen anderer. Mir geht es mehr darum, Menschen neue Perspektiven aufzuzeigen.

Ist das auch deine Anforderung an die Popkultur generell?

Auf jeden Fall. Mich selbst sehe ich als Erneuerin der Medien: Wie kreieren und verteilen wir Medien? Das ist wichtig, weil wir nur darüber Menschen erreichen können. Als Künstlerin trete ich an, um die Gedanken der Menschen zu verändern. Um für die Rechte Homosexueller zu protestieren, muss es einen gedanklichen Anstoß geben. An diesem Punkt kommen die Medien ins Spiel: Sie müssen mehr Homosexuelle im Fernsehen zeigen und transportieren: Das ist normal und in Ordnung.

Reden wir ein bisschen über Hip-Hop. Wie kamst du dazu?

Hip-Hop habe ich schon immer gemocht.Aber so richtig in Berührung damit gekommen bin ich, als ich anfing, als Dragking aufzutreten. Mein Charakter basierte auf dem Rapper Lil Wayne. Ich habe irgendwann angefangen, eigene Raps zu schreiben, die ich während meiner Auftritte performt habe. Das wurde mir zu langweilig und zu eindimensional. Es ist begrenzt, was man mit dem Charakter machen kann. Also kreierte ich eine neue Person – Dope Saint Jude. Ich habe also nicht den traditionellen Weg zum Hip-Hop über das Freestylen mit einer Crew auf der Straße genommen, mein Weg in den Hip Hop war sehr lesbisch.

Du hast auch ein Dragking-Kollektiv gegründet. Wie kam es dazu?

Zum Dragking wurde ich, weil es in Kapstadt keine gab. Die Dragqueen-Kultur ist aber sehr etabliert. Eines Tages las ich einen Artikel, in dem die Frage aufkam, wo denn eigentlich die Dragkings sind. Das nahm ich zum Anlass und es machte mir extrem viel Spaß. Es hat sich so besonders angefühlt auf der Bühne zu stehen, das war sehr befreiend, weil es so lesbisch war (lacht). Das Lesbischste, was man machen kann, ist Drag zu tragen und für ein queeres Publikum zu performen. Deshalb wollte ich es mit anderen teilen und habe es auf Facebook-Post gepostet. Dann haben wir eine Gruppe gegründet, uns einen Namen überlegt und losgelegt.

Hattest du in deiner Jugend musikalische Heldinnen?

Klar! Ich hab Lauryn Hill gehört, Tupac auch und viele mehr. Es waren Poesie und Lyrik, die mich immer schon interessiert haben. Ich denke, viele junge Schwarze Frauen gehen durch eine Phase, in der sie Lyrik von Frauen wie Maya Angelon, Toni Morrison und Alice Walker lesen. Diese Art von Poesie hat mich immer fasziniert, sie ist sehr klar und explizit – und sie trägt eine Hip-Hop-Stimmung in sich.

Was denkst du über die Entwicklung von Hip Hop und das Erstarken weiblicher Rapperinnen?

Ich glaube nicht, dass das nur eine Phase oder Mode ist, Frauen sind gerade sehr stark. Es gibt Künstlerinnen wie Cardi B, Megan Thee Stallion, Tierra Whack oder Rico Nasty und Bbymutha, alles Frauen, die fantastische Musik machen, in der sie über ihre Erfahrungen berichten. Vieles daran ist einzigartig und kann nicht kopiert werden, das ist sehr spannend und aufregend.

In deinem Song „Grrrl Like“ spielst du auf die Riot Grrrls an, wieso?

Ich habe viel über queere und lesbische Kultur gelesen, das hat mich immer schon interessiert. Darüber sind mir Kathleen Hanna, Bikini Kill und Heavens to Betsy begegnet. Ich kann dazu nicht tanzen, aber diese Musik gefällt mir. Noch wichtiger ist, wofür die Riot Grrrls standen, die Art, wie sie mobilisierten und in der Lage waren, eine Bewegung zu schaffen. Das war sehr inspirierend. Ich wollte dieses Gefühl von Gemeinschaft replizieren, aber es in eine modernere,intersektionale, queere Bewegung bringen.

Wie hat deine Politisierung stattgefunden?

Politisiert bin ich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich bin als Schwarze Frau in Südafrika aufgewachsen, einem politisch sehr angespannten Ort mit viel Rassismus. Es war also immer ein Teil meines Lebens. Angefangen darüber zu reden habe ich in der Highschool. Politisch wurde ich in dem Moment, an dem ich angefangen habe, die Zusammenhänge zu verstehen, vielleicht mit elf oder zwölf. Meine Eltern haben mich immer vor Rassismus beschützt, zu Hause bei uns wurde das nie thematisiert. Erst als ich alt genug war um zu verstehen, erklärten sie mir ihre Einstellung. Ich bin mit wenigen Weißen groß geworden, in Südafrika leben die Menschen getrennt voneinander. Meine Eltern haben nie etwas Schlechtes über weiße gesagt. Erst als ich älter wurde und in die Highschool gekommen bin, wurde ich mit vielen verschiedenen Ethnien konfrontiert und begann zu begreifen, welchen Einfluss das hat. Erst da verstand ich, dass es Reiche und Arme gibt, und erlebte den schockierenden Realisierungsmoment, zu den Armen zu gehören.


Album: „Resilient“ (PLATOON)
www.dopesaintjude.com

Dieser Text erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Juli/August 2019

 

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