Aus dem Heft

„Sexismus ist nicht immer offensichtlich, sondern kann sehr subtil sein”

Síona Cahill ist eine aufstrebende lesbische Politikerin aus Irland, die sich dort stark für das Recht auf Abtreibung einsetzt – mit großem Erfolg. L-MAG traf die unermüdliche Kämpferin zum Interview

Síona Cahill wuchs in einem kleinen Dorf im ländlichen Irland auf und ist Aktivistin von klein auf. Für ihren Einsatz für die Kampagne zur Ehe-für-Alle in Irland hat sie den „Equality Activist of the Year Award“ der nationalen Studierendenvereinigung Union of Students in Ireland gewonnen und für die „Women of Europe Awards 2019“ war sie in der Kategorie „Women in Youth Activism“ nominiert – neben keiner geringeren als Greta 
Thunberg. L-MAG traf die 27-Jährige zum Frühstück in Dublin und sprach mit ihr über ihre Kindheit, ihren langen Coming-out-Prozess und ihre weiteren politischen Ziele.

L-MAG: Du engagierst dich sehr in der Hochschulpolitik. Wie kam es dazu?
Síona Cahill: In meinem letzten Studienjahr kandidierte ich als Vize-Präsidentin für Sozialpolitik und Gleichberechtigung der Studierendenvereinigung an der Maynooth Universität. Ich interessierte mich eigentlich nicht für die Studierendenvereinigung, aber ein Freund von mir überredete mich zu der Kandidatur. Ich habe zwar immer wieder nein gesagt, aber er erwiderte: „du musst es tun, denn die andere Person, die antritt, ist schrecklich!“ Letztendlich tat ich es, weil ich viele Möglichkeiten darin sah, die Erfahrungen von 
Studierenden zu verbessern. Ich wollte Menschen helfen.

Die letzten fünf Jahre waren mit der Öffnung der Ehe für Homosexuelle (2015) und der 
Abstimmung über ein Ende des Abtreibungsverbots (2018) eine sehr aufregende Zeit, um in der Hochschulpolitik in Irland aktiv zu sein.
Ich war auf jeden Fall zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Kampagne für die Ehe fand in meinem ersten Jahr als studentische 
Vize-Präsidentin für Sozialpolitik statt. Obwohl ich sehr stark in der Kampagne involviert war, war ich an der Uni noch nicht out. Im November 2014 ging ich als „hetero-sexuelle Verbündete“ zu meinem ersten „Pink Training“ (Workshops und Seminare zu LGBT-Themen, Anm. d. Red.). Ich ging als Hete hin und kam als überzeugte Lesbe zurück! Anfang 2015 hatte ich dann mein öffentliches Coming-out bei einer studentischen 
Spendenaktion für die Gleichstellung der Ehe. In meiner Rede erwähnte ich meine 
damalige Freundin. Mein Coming-out war so öffentlich, dass es danach alle wussten.

Kommst du aus einer sehr politischen 
Familie?
Ich bin in einem politischen Haushalt aufgewachsen und hasste das früher. Mein Vater kandidierte bei den Regionalwahlen 2004 für die Partei Fianna Fàil (eine konservative Partei der politischen Mitte, Anm. d. Red.). Es riefen stets viele Leute bei uns an, um Ratschläge von ihm zu bekommen, was dazu führte, dass ich ein großes politisches Bewusstsein bekam. Mit elf Jahren nahm ich schon an meiner ersten Wahl für das irische Jugendparlament Dáil na nÓg teil.

Du bist in einem irischen Dorf auf dem Land aufgewachsen, in Colehill in der Grafschaft Longford. Wie war das?
Longford ist eine sehr kleine Grafschaft 
mitten in Irland zwischen Galway und Dublin und oft weiß niemand wo es ist. Ich war ein absoluter Tomboy als ich klein war und liebte
mein Go-Kart über alles. Ich hatte ziemlich viel Glück in meiner Kindheit, meine Familie hat mich stets unterstützt.

Deine Familie hat dein Tomboy-Dasein also gutgeheißen?
Sie waren sehr besorgt. Ich fand sie waren überfürsorglich. Schon in jungen Jahren 
fühlte ich mich unwohl mit meinem Auftreten, ein klassisch lesbisches Problem. Es war in Ordnung, als ich kleiner war, aber als Teenager habe ich nirgendwo wirklich reingepasst und war sehr unglücklich. Um damit umzugehen, habe ich mich in den Aktivismus 
gestürzt. Ich wollte in allem die Beste sein und das resultierte immer in irgendeiner Form von Wahlkampf.

Wie war dein Coming-out?
Ich hatte mein Coming-out erst mit 21 und habe lange gebraucht, um das alles rauszufinden. Als Teenager hatte ich für vier Wochen einen Freund, wir haben uns auch geküsst, aber es hat sich nicht richtig 
angefühlt. Ich wusste, dass ich nicht wie die anderen Mädchen war. Ich tat so, als sei ich in einen aus dem Football-Team verknallt, um dazuzuge-hören und habe heimlich „The L Word“- Folgen geschaut. Es war eine einsame Zeit. Eines Abends, ich war um die 20, schaute ich eine Folge „Grey‘s Anatomy“ mit meiner Mutter. Die Charaktere Callie und Arizona hatten 
gerade ein Gespräch über ihre Beziehung und meine Mutter bemerkte, wie gefesselt ich davon war. Sie fragte mich, ob ich gerne eine Beziehung mit einer Frau hätte. Ich denke, sie hat sich Sorgen gemacht, weil ich mich allem Anschein nach für niemanden 
interessierte. Ich sagte zu ihr: „Ich fände es toll, wenn mich irgendjemand mögen 
würde“. Obwohl ich es meiner Mutter gegenüber damals noch nicht zugab, hatte ich das Gefühl, endlich meine Sexualität entdecken zu können. Ich ging zum Studium an die Universität in Boston und die Freiheit, weit weg von zuhause zu sein ermöglichte mir letztendlich mein Coming-out.

Du beschreibst dich selbst als Feministin. Was bedeutet dieses Wort für dich?
Schon seit ich sehr jung bin, glaube ich an ein Zitat von Ruth Bader Ginsburg: 
„Frauen gehören an all die Orte, an denen Entscheidungen getroffen werden. Frauen sollten nie die Ausnahme sein.“ Das ist für mich Feminismus. Der Meinung zu sein, dass alle Menschen gleichberechtigt behandelt werden sollten und anzuerkennen, dass Frauen darin lange vernachlässigt wurden. Feminismus ist nicht nur für Leute, die auf der Straße demonstrieren, er sollte Teil des alltäglichen Lebens sein.

Hast du viel Homophobie oder Sexismus 
erlebt?

Ob ich das erlebt habe? Zu 100 Prozent, ja! Während der Kampagne um die Abschaffung des Abtreibungsverbotes bekam ich online sehr viel Homophobie ab. Sexismus war aber ein noch größeres Problem für mich. Der ist nicht immer offensichtlich, sondern kann sehr subtil sein. Du wirst zum Beispiel aus einer Entscheidung oder einem Gespräch ausgeschlossen oder Leute 
stehen dem, was du machst, übertrieben skeptisch gegenüber. Das frisst einen nach und nach auf.

Woran arbeitest du momentan?
Nach der Stelle als studentische Vize-Präsidentin für Sozialpolitik war ich zwei Jahre lang Vizepräsidentin für Gleichberechtigung und Staatsbürgerschaft in der nationalen Studierendenvereinigung (Union of Students in Ireland). Dann kandidierte ich als Vor-sitzende der Vereinigung. Als meine Amtszeit im Juni 2019 endete, sah es um meine mentale Gesundheit nicht besonders gut aus. Ich war ausgelaugt und ausgebrannt. Also legte ich eine Pause ein. Dann fing ich eine befristete Stelle bei der Irish Family Planning Association (Zentrum für sexuelle Gesundheit, Anm. d. Red.) an. Und im Moment arbeite ich an einem Projekt über reproduktive Rechte in Irland.

Das L-MAG-Team war sehr beeindruckt von deiner Rede beim parlamentarischen Abend der Grünen im Bundestag zum internationalen Frauentag im März letzten Jahres. Wärst du gerne die erste weibliche und lesbische 
Premierministerin von Irland?
Im Moment habe ich keine politischen 
Absichten. Ich habe mal gesagt, dass ich nie als Premierministerin kandidieren würde, aber das war dumm von mir. Ich fühle mich schlecht deswegen, weil ich stets darüber spreche, dass wir mehr Frauen in der Politik brauchen, selbst aber ablehne zu kandi-dieren. Bisher habe ich mein ganzes Leben dem politischen Aktivismus gewidmet, was sehr einnehmend war. Ich glaube, ich muss mich jetzt erst noch ein bisschen ausleben.

Was denkst du, sind die wichtigsten Themen für junge Lesben heutzutage?
Ich glaube, das Coming-out ist immer noch ein großes Thema. Und im Moment gibt es eine Kluft zwischen älteren Lesben, die ihre lesbische Identität bewahren wollen und jüngeren queeren Frauen, die in Bezug auf ihre sexuelle und geschichtliche Identität 
flexibler sind. Das führt zu Spannungen, 
genau wie die Inklusion von trans und nicht-binären Personen in lesbischen 
Räumen. Außerdem gibt es nur sehr wenige lesbische Orte und das macht es schwierig, sich zu treffen und Kontakte zu knüpfen. Viele Lesben haben mir gesagt, sie 
wünschten sich ein Abzeichen, das wir alle tragen können, damit wir uns gegenseitig 
erkennen können und aufhören, hetero-sexuelle Frauen anzubaggern!

Welchen Rat würdest du jungen Lesben 
geben, die politisch aktiv werden wollen, 
denen es aber an Selbstbewusstsein 
mangelt?
Die Dinge, von denen du denkst, sie seien unwichtig oder nicht so „sexy“ in einem Wahlkampf, sind meisten am aller-wichtigsten. Wenn du nicht gerne vor Menschen sprichst, gibt es noch 100 andere Wege, um sich zu engagieren und Selbstbewusstsein aufzubauen. Jeder und jede kann etwas beisteuern. Dafür muss man nicht mit einem Mikrofon auf der Bühne stehen.

// Lydia Bigley

Dieses Interview erschien zuerst in der Januar/Februar-Ausgabe, hier bestellbar als E-Paper.

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