Aus dem Heft

Karin Hanczewski: „Meinen größten Kampf führte ich mit mir selbst“

24.6.2021 - Sie ist die Oberkommissarin aus dem Dresdner „Tatort“. Im Rahmen der Initiative #actout bekannte sich die Schauspielerin öffentlich zur LGBTIQ*-Community

Von Jana Schulze

26.6.2021 – Karin Hanczewski zeigt Gesicht. Als eine von 184 lesbischen, schwulen, bisexuellen, queeren, nicht-binären und trans Schauspielerinnen und Schauspielern outete sie sich im Februar im SZ Magazin. Mit ihrer Initiative #actout forderten sie alle mehr Anerkennung für queere Menschen in Theater, Film und Fernsehen. Die 39-jährige Hanczewski mimt seit 2009 die Dresdner „Tatort“-Kommissarin. Bald ist sie in der Serie „Loving Her“ zu sehen. In L-MAG spricht sie über Klischeerollen und ihre Erfahrungen beim Coming-out.

L-MAG: Karin, du warst Mitinitiatorin von #actout – warum habt ihr diese Kampagne gestartet und warum gerade Anfang 2021?

Karin Hanczewski: Mein Kollege und guter Freund Godehard Giese und ich waren vor zwei Jahren auf dem Filmfest München zur Premiere eines gemeinsamen Films, als wir zu dem Schluss kamen: „Es reicht!“ Ich hatte meine damalige Freundin dabei und man riet mir, dass es doch besser sei, wenn sie nicht mit aufs Foto käme. Solange ich „den Fuß nicht richtig in der Branche hätte“, sei es doch ratsam, „es“ nicht öffentlich zu machen. Wohl gemerkt: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die „Tatort“-Rolle schon einige Jahre inne. Außerdem habe ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich queer bin. Godehard und ich haben lange diskutiert und uns über diskriminierende Erfahrungen ausgetauscht. Am Ende stand fest: Wir wollen etwas ver­ändern! Wir wollen uns nicht mehr verstecken! Wir wollen nicht mehr in der Angst leben, unseren Beruf – den wir ja erfolgreich ausüben – nicht weitermachen zu können, nur weil wir nicht hetero sind. Und wir wollen, dass das generell aufhört, dieses Versteckspiel, die Angst … – auch für andere queere Kolleginnen und Kollegen!

Hast du nach der Veröffentlichung Reaktionen von Regisseurinnen und Regisseuren bekommen, die gezeigt haben, dass sie dich nun nicht mehr in bestimmten heterosexuellen Rollen besetzen können?

Nein, es gab keine negativen Reaktionen. Von jungen Regisseurinnen und Regisseuren, mit denen ich zusammengearbeitet habe, kamen Sätze wie: „Das ist eine großartige Sache!“

Wie hast du deine Branche und das Thema Coming-out vorher erlebt?

Die Personen, mit denen ich gearbeitet habe, wussten ab irgendeinem Zeitpunkt meist, dass ich eine Freundin hatte. Aber ich habe auch despektierliche Kommentare erlebt. Einmal hat mir ein Regisseur auf einem Empfang gesagt „Ach, du bist lesbisch“ und mich damit in eine Ecke abgestellt, so als würde ich als lesbische oder queere Frau zu einer anderen Kategorie Frau gehören. Es gibt bei vielen Kolleginnen und Kollegen, die nicht out sind, die Angst, nicht mehr in heterosexuellen Rollen besetzt zu werden, wie zum Beispiel den „Love Interest“. Zum Beispiel wurde ein Kollege, der bereits für eine Hauptrolle in einer Vorabendserie besetzt war, umbesetzt, nachdem bekannt wurde, dass er schwul ist. Oder auch Ulrike Folkerts: Ihr wurde gesagt, sie könne jetzt keine hetero­sexuelle Mutter mehr spielen. Und den Beweis, dass wir es doch können und dass das Publikum uns die Rolle abnimmt, haben wir ja bereits angetreten: Godehard Giese spielt hoch und runter heterosexuelle Väter, und ich spiele genauso hetero­sexuelle Figuren. Warum sollte uns das Publikum jetzt plötzlich nicht mehr glauben oder sich nicht mehr mit unseren Figuren identifizieren können? Wir spielen so viele Dinge, die wir nicht sind. Das ist unser Beruf!

Kleine Überleitung: Wann und wo hast du dich das erste Mal in eine Frau verliebt?

Mit Ende 20 habe ich mich das erste Mal richtig in eine Frau verliebt, also relativ spät. Ich komme aus einer heterosexuellen Familie, polnisch-katholisch mit klassischen Rollenbildern. Auf der Schauspielschule begannen sich meine Grenzen zum ersten Mal zu verschieben. Während meiner Zeit am Theater in Göttingen habe ich mich dann erstmals in eine Frau verliebt. Sie war etwas jünger als ich und wir haben uns angefreundet. Irgendwann zogen wir nach Berlin und aus Freundschaft wurde mehr.

Und was hast du direkt nach deinem Abitur gemacht?

Ich habe versucht, ein Leben zu führen wie es sich meine Eltern wünschten: etwas
Vernünftiges zu werden wie Rechtsanwältin, Ärztin oder Psychologin. Also habe ich tatsächlich erst mal Jura studiert, drei Monate lang, aber mir war das zu trocken. Zu der Zeit hatte ich einen befreundeten Gitarrenlehrer, der mich an Kunst heranführte, Bücher, Gemälde, Musik – eine andere Welt für mich. Er sagte mir, ich solle es doch mal auf einer Schauspielschule probieren. Ich hatte den Gedanken, Schauspielerin zu werden, schon viel früher – aber ich wusste damals noch nicht, wohin mit diesem Wunsch.

Warum dann ausgerechnet Film und Serien statt Theater?

Es war eine Welt, die mich immer extrem fasziniert hat; ich habe mich in die
Geschichten hineingeträumt, mit und in ihnen gelebt. Filme und Serien versprachen mir immer etwas Großes, Lebendigkeit und Leidenschaft. Die ersten Serien, die ich schaute, waren „Knight Rider“, „Beverly Hills, 90210“ und „Melrose Place“. Ich durfte keine Folge verpassen! Das Theater habe ich erst viel später für mich entdeckt.

Aber Hand aufs Herz: „Beverly Hills“ war doch reiner Kitsch?!

Ja, total – es ging immer nur um Gefühle und Beziehungen. Aber das ist es ja auch, was viele Menschen und auch mich interessiert und was ich als Schauspielerin ausloten möchte. Wir führen schließlich zu allem eine Beziehung – zu uns selbst, zu unseren Freundinnen, zur Familie und auch zu unserem Beruf.

Als du die Serie „The L Word“ geschaut hast, wolltest du da gerne Teil der Crew werden?

Als ich „ The L Word“ das erste Mal sah, war ich 27 und hatte bis dato nichts mit dieser Welt zu tun. Ich war nie in Gay Clubs, hatte nie Gay Friends, meine damalige Freundin auch nicht. Wir waren nur in einer heteronormativen Umgebung unterwegs. In dieser Serie spielte sich plötzlich alles in einer Welt mit queeren Personen ab. Das war neu für mich und hat mich extrem fasziniert. Damit habe ich mich sehr verbunden gefühlt und identifiziert. Shane und ihre lesbischen Freundinnen ... Da war immer schönes Wetter, sie trafen sich mittags im Café, arbeiteten was Tolles und machten abends Party. Was für eine Welt! … (Wir schwärmen und lästern etwas gemeinsam, Anm. d. Autorin)

Bist du seit deiner ersten Beziehung mit einer Frau regelmäßig in der Berliner Szene unterwegs?

Das fing erst etwas später mit meiner nächsten Freundin an. Ich tu mich immer wahnsinnig schwer, mich neu zu verlieben. Sie hatte viele queere Freunde und da lernte ich auch die Kneipe „Möbel Olfe“ in Kreuzberg kennen. Und dass die eigene queere Clique zur Familie gehören kann. Meinen größten Kampf führte ich mit mir selbst. Mich als die Person zu akzeptieren, die ich bin, fiel mir schwer. Deshalb war #actout ein so wichtiger Schritt für mich. Ich würde mich eher als bisexuell bezeichnen. Ich selbst will mich nicht festlegen und erklären müssen. Aber das erwartet mein Gegenüber ganz oft. Ich dagegen empfinde meine Sexualität als nichts Festgelegtes, sondern als fluide.

Was macht dieses öffentliche Coming-out jetzt mit dir?

Ich habe mir früher mein Leben ganz anders vorgestellt und merke jetzt, dass ich so viele Grenzen und Zäune aufgebaut habe, die aber nicht meine eigenen sind. Ich fange jetzt endlich an, all das zu hinterfragen – etwa wie: Wer möchte ich sein? Und wie möchte ich in Beziehungen treten? Welches Beziehungs- und Familienmodell macht mich wirklich glücklich? Das ist eine Befreiung für mich. Ich löse mich damit von der Angst und der Scham, die über die Jahre von außen an mich herangetragen wurden. Und ich übernehme Verantwortung für die Welt, in der ich leben will.

Hast du denn jemals Homophobie erlebt?

Ja, homophobe Sprüche, die ich hier nicht wiederholen möchte, oder schräge Blicke, wenn man als lesbisches Paar über die Straße geht. Aber ich habe Freundinnen, die in Deutschland auf der Straße attackiert wurden, mit Flaschen beschmissen wurden, weil sie Hand in Hand mit ihrer Freundin
spazieren gegangen sind. Und in meiner Verwandtschaft zum Beispiel haben nicht alle einen Freudensprung gemacht, als ich ihnen meine erste Freundin vorstellte. Sprüche wie „Warum hast du keinen Mann“ oder „Warum hast du kein Kind?“ fielen immer wieder. Homofeindlichkeit im eigenen Umfeld zu erfahren, ist hart.

Zu deiner Rolle als „Tatort“-Kommissarin in Dresden: Hast du bei den Dreharbeiten überhaupt Zeit, etwas von der Stadt zu sehen?

Leider wenig. Ich mag die Altstadt sehr, aber auch die alternative Neustadt. Und vor allem die Natur. Als wir vor eineinhalb Jahren dort einen neuen Fall zu drehen begannen, sah ich montags die Pegida-Demonstrationen und war erschrocken, dass es sie immer noch gibt. Ansonsten liebe ich es, mit meinem Hund an der Elbe entlangzuspazieren.

Wo warst du, als du vor rund fünf Jahren den Zuschlag als „Tatort“-Kommissarin bekommen hast?

Ich habe gerade in Frankreich einen Kinofilm gedreht. Ich war im Atlantik schwimmen, kam zurück in meinen Bungalow und fand eine SMS meiner Agentin: „Du hast die Rolle, aber du darfst es noch niemandem sagen!“ Ich musste lachen und war mächtig glücklich.

Gibt es eine Frauenrolle, die du unbedingt spielen möchtest?

Ich möchte vor allem diverse, vielschichtige Rollen spielen. Die Fantasie von der einen Rolle habe ich nicht. Ich bin vor einiger Zeit über Texte von Maya Angelou gestolpert. Sie war eine US-amerikanische Schwarze Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin. Als Kind wurde sie missbraucht und hat einige Jahre nicht gesprochen. Sie hatte eine Tante, die ihr später Gedichte vorlas, und so begann Angelou wieder zu reden. Das hat mich sehr berührt. Das wäre eine Geschichte, die ich gerne verfilmt sähe. Aber natürlich nicht mit mir in der Hauptrolle.

Dieser Text erschien zuerst in der Print-Ausgabe von L-MAG Juli/August 2021.

 

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