CSD 2019

Revolutionsromantik um Stonewall: Und plötzlich wurde alles anders?

5.5.2019 - Friedensbewegung, Proteste gegen den Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung – dem Stonewall-Aufstand gingen widerständige Jahre voraus. Beim Gedenken wird das oft vernachlässigt. Ein Kommentar von Katrin Kämpf

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17.06.2019 - Wer warf das erste Schnapsglas oder den ersten Stein, wer schlug zuerst die Bullen, wer schleuderte den zündenden Molotow­cocktail? Wer die Debatten um Stonewall in den letzten Jahre verfolgt hat, musste den Eindruck gewinnen, alle Queers seien plötzlich zu Historikerinnen und Historikern mutiert. So tobten unter anderem in den sozialen Medien immer wieder erbitterte Streits, die versuchten, die wahren Heldinnen und Helden von Stonewall zu finden.

Eine Nacht verändert alles?

In die berechtigten Debatten um die histo­rische Deutung Stonewalls scheint sich ein gehöriges Maß an Revolutions- und Heldenromantik eingeschlichen zu haben. Die Aufstände werden als urknallartiges Ereignis, ausgelöst von einer Handvoll starker Identifikationsfiguren interpretiert: Plötzlich wurde alles anders. Dieser Fokus auf individuelle Heldinnen und Helden übersieht, dass auch folgenschwere Tage des Widerstandes wie Stonewall immer auf einer Vielzahl widerständiger Momente beruhen.

So gingen der Nacht sowohl laute Aufstände und Proteste gegen Polizeigewalt in Los Angeles und San Francisco, als auch die ruhigen Mahnwachen der Mattachine Society voraus (erste Homo­sexuellen-Vereinigung der USA, ab 1950, Anm. d. Red.). Auch die afroamerikanische Bürgerrechts­bewegung und die Anti-Vietnam-Proteste der 60er- und 70er mit ihren zahlreichen Protesten, Sit-ins und Demos prägten damals das Klima und die Bereitschaft zum Widerstand. Stonewall als einzigartigen Ausgangspunkt einer heldenhaften Fortschrittsgeschichte der queeren Bewegung zu sehen, ist also Unfug.

Einseitige Darstellung der Ereignisse

Problematisch ist auch der viel diskutierte US-Film „Stonewall“ aus dem Jahr 2015. Der Regisseur Roland Emmerich hatte als zentralen Helden ausgerechnet einen weißen, maskulinen Mann gecastet und ihn sogar den ersten Stein des Aufstands werfen lassen. Ganz so, als sei es den Zuschauer­innen und Zuschauern nicht zuzumuten, ein nicht-weißes oder trans Opfer von Polizeigewalt zu Gesicht zu bekommen. Anscheinend denken alle, dass diejenigen, die nicht als Schwiegermuttertraum durch­gehen, selbst Schuld daran sind, wenn sie eins auf die Fresse bekommen.

Dabei gab es mit der Gay Liberation Front direkt nach den Aufständen für sehr kurze Zeit eine linke, radikale Lesben- und Schwulen-Organisation, die Trans­feindlichkeit, Rassismus, Sexismus und Obdachlosigkeit mitdachte, sich an eine solidarische Zusammenführung verschie­dener Kämpfe wagte und nichts weniger wollte, als die grundlegende Veränderung der Verhältnisse. Doch damit war im späteren Mainstream der Homosexuellen­bewegung schnell Schluss: Transfrauen und Dragqueens wurden an den Rand der Bewegung gedrängt. Rassismus, Armut und Sexismus wurden zu Nebenschauplätzen erklärt und die Kämpfe auf Nebenwider­sprüche, allen voran bürgerrechtliche Gleichstellung, konzentriert.

Gemeinsam gegen Polizeigewalt, Rassismus und Sexismus

Wer heute also das Schlagwort Stonewall aufruft, muss sich fragen, was in den letzten 50 Jahren eigentlich schiefgelaufen ist. Wie konnte der Moment solidarischer Koopera­tion derart entradikalisiert werden, dass heute an den Feiertagen namens Christopher Street Day, Pride oder Stonewall jährlich Großkonzerne gemeinsam mit Polizei, Militär und heterosexistischen Parteien durch die Städte spazieren? Und wie können wir es schaffen, wieder gemeinsam gegen Polizeigewalt, Rassismus, Sexismus und die – gerade in Deutschland – immer deutlichere Allianz von Polizei, Militär und Faschismus zu kämpfen?

 

 

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