Von Sonya Winterberg
4.4.2026 - Sie glaubte an die Kraft der Erinnerung. Sabine Balke Estremadoyro, die im März nach schwerer Krankheit verstarb, war weit mehr als eine Archivarin. Sie war eine Hüterin von Geschichten – von einzigartigen Dokumenten, Bildern und Stimmen, die sonst leicht verloren gegangen wären. Wer sie kannte, wusste: Für Sabine war Geschichte nie bloß Vergangenheit, sondern immer auch Gegenwart und Auftrag.
Neben ihrer Rolle als Geschäftsführerin des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) war sie bis 2023 auch Vorsitzende von i.d.a., dem Dachverband der deutschsprachigen Lesben- und Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Italien. Über 25 Jahre gestaltete sie den Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V. mit – das älteste und neben dem Archiv Herstory in New York zweitgrößte Lesbenarchiv der Welt.
Kampf für die Sichtbarkeit von Frauen und Lesben in der Geschichte
Die Soziologin und Politologin war in dieser Zeit als Archivleitung, Geschäftsführung und zuletzt im Vorstand tätig. Ihr berufliches Wirken prägte die ihr anvertrauten Bestände ebenso wie die Menschen, mit denen sie zu tun hatte. Jahrzehntelang setzte sie sich nicht nur für die Bewahrung historischer Bestände ein und kämpfte mit Herz und Verstand dafür, dass vor allem Frauen und Lesben in der Geschichtsschreibung sichtbar werden.
Sabine Balke gehörte zu jenen, die Archive öffnete – nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn. Sie glaubte daran, dass Wissen frei zugänglich sein sollte, dass Erinnerung demokratisch gedacht werden muss. Mit Akribie, Neugier und großer Geduld brachte sie Ordnung in das Chaos der Geschichte, ohne dessen lebhafte Unruhe zu unterdrücken.
Sie erhielt das Vergangene lebendig und schuf gerade damit Zukunft
Zugleich war sie eine prägende Kollegin, die jüngere Forschende ermutigte, eigene Wege zu gehen. Wer mit ihr arbeitete, erinnert sich an ihr Lachen, ihre scharfe Beobachtungsgabe und an die Sorgfalt, mit der sie jede Quelle, jedes Blatt Papier behandelte – als erzählte es eine Geschichte, die gehört werden wollte.
Sabines Interesse an Menschen war authentisch, ihr Blick klar, ihr Humor fein. In einer Welt, die so oft im Jetzt verharrt, war sie eine, die das Vergangene lebendig hielt – und gerade damit Zukunft schuf. Sie hat uns gelehrt, hinzuschauen, festzuhalten, weiterzugeben. Ihr Wirken bleibt – in Archiven, in Erinnerungen und in den Strukturen, die sie mit aufgebaut hat.