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Amsterdam: WorldPride, Sister Bars und queere Heroes

26.7.2026 - In diesem Jahr findet der WorldPride in Amsterdam statt (25. Juli – 8. Aug.). Zu dieser Gelegenheit hat sich L-MAG in der Stadt umgesehen und lesbische Treffpunkte besucht.

Von Franziska Schulteß

25.07.2026 - 1,2 Millionen Menschen: So viele Gäste erwartet das Orga-Team der WorldPride 2026 in Amsterdam. Die Zahl wirkt erstmal unglaublich, wenn man auf einer der vielen zierlichen Brücken Amsterdams steht, zum Beispiel auf der Bet van Beerenbrug – und sich vor Augen führt, dass diese Stadt weniger als eine Million Einwohner:innen hat.

Kein Wunder, dass man sich hier bereits fieberhaft auf die Events zur WorldPride vorbereitet, die für Juli und August geplant sind. Wo sollen zum Beispiel all diejenigen sitzen, die die Boote der „Canal Parade“ von den Seiten der Amsterdamer Kanäle – Grachten genannt – bestaunen wollen? Und wie viele Leute passen eigentlich in eine Metro?

WorldPride feiert 25 Jahre „Ehe für alle“

Vor 25 Jahren waren die Niederlande das erste Land weltweit, das die „Ehe für Alle“ einführte. Es erscheint passend, dass der Staffelstab für die WorldPride, nach Washington D.C. im letzten Jahr, nun an die niederländische Hauptstadt geht. Für den Zeitraum 25. Juli bis 8. August ist ein dichtes Programm angekündigt, darunter eine queere „Wedding Party XXL“.

Für lesbische Reisende hat die Stadt aber auch über die WorldPride hinaus viel zu bieten. Im Rahmen einer Pressereise, organisiert von der Stiftung amsterdam&partners, hat L-MAG sich ein paar Orte angesehen, die einen Besuch lohnen.

Station eins: Bar Lellebel

L-MAG trifft Tori Anneke, die Betreiberin der Bar Lellebel, an einem Mittwochnachmittag. Die große Frau mit dem feuerrot gefärbten Haarschopf düst auf ihrem Fahrrad heran. Sie schließt das Lellebel auf, knipst das Licht an.

Die Bar liegt am Rembrandtplein, nahe der als Herzstück der queeren Szene bekannten Reguliersdwarsstraat. Wie viele Häuser in Amsterdam, wo man Steuern im 17. Jahrhundert über die Breite der Fassaden berechnete, ist auch dieser Raum sehr schmal. Eine Barzeile auf der linken, eine Mini-Bühne auf der rechten Seite. Die Wände sind in einem leuchtenden Lavendel gestrichen. Sie wollte keinen düsteren Ort schaffen, sagt Tori. Obwohl hier vor allem Grunge, Metal und Rock gespielt wird. Hinten, über dem Durchgang zum Klo, hängt ein Plakat: „Eat Pussy. It´s organic.“

Das Lellebel eröffnete 1997 als erste Drag Bar der Niederlande. Vor sechs Jahren übernahm Tori das Geschäft von Gründer Hans Wijtenburg. Es laufe gut, sagt sie, seitdem sie die Bar von einer vorrangig schwulen Drag Location in etwas verwandelt habe, das mehr „Tori selbst“ sei. Sie zeigt ein Foto aus früheren Zeiten. Darauf ist sie mit langen dunklen Metal-Haaren zu sehen, eine Gitarre in der Hand, umgeben von den Mitgliedern ihrer damaligen Band. Heute steht an der Tür des Lellebel: „Tiny alternative indie grunge rock queer bar”. Willkommen sind alle – auch wenn, schätzt Tori, mehr als sechzig Prozent der Gäste weiblich sind.

Tori wuchs in New York auf. 2004 habe sie „rausgewollt“ aus Amerika. Sie fand einen Job in den Niederlanden, zog um. Das war noch lange vor Trump. Heute, sagt Tori und blickt zu Boden, hätte sie Angst, als trans Person in die USA zu reisen, geschweige denn, dort zu leben. 25 Jahre lang war sie im IT-Bereich tätig, machte gutes Geld. Dann, im Alter von 51, hatte sie ihr Coming-Out. Sie kündigte ihren Job – und wurde zur allerersten trans Barbetreiberin Amsterdams.

Ein Schatten taucht vor der Frontscheibe des Lellebel auf, verharrt dort. Tori seufzt genervt, steht auf und zieht den Vorhang vor der Scheibe zu. Nun ist es dunkler hier drin, aber dafür kann niemand mehr hineinglotzen. Sie habe schon einige Leute rauswerfen müssen. So wie einmal diese Dutch Frat Boys, Typen aus Studentenverbindungen, die „zwei Frauen küssen sehen wollten“.

Ihr Job sei oft stressig. Was ihr die Motivation gibt, weiterzumachen? Tori muss nicht lange überlegen: Die Google-Bewertungen für ihre Bar! „Ein richtiger Safespace!“, lautet zum Beispiel eine davon. „Mein zweites Zuhause”, eine andere. Als Tori darüber spricht, glänzen ihre Augen ein wenig feucht. „Wenn ich alt bin, werde ich sagen können, ich habe etwas Sinnvolles gemacht, anstatt nur Computer zu reparieren“, sagt sie. „Ich kann Menschen einen Raum geben, in dem sie sie selbst sein können.“

Nach diesem schönen Fazit schließt Tori ihre Bar wieder ab und schwingt sich auf ihr Fahrrad. Noch kurz nach Hause und vorschlafen, bevor das Lellebel abends für Kundschaft öffnet.

Station zwei: Bar Buka

Zwanzig Minuten zu Fuß vom Lellebel entfernt, im belebten Viertel De Pijp, liegt das Buka – ihre „Sister Bar“, wie Tori sie liebevoll nennt. Der Weg führt über Brücken mit metallenem Geländer, über die Herengracht und die Keizersgracht. Schwer vorstellbar, dass sich unter unseren Füßen Wasser und Holzpfähle befinden. Letztere wurden in den sumpfigen Boden gerammt und tragen bis heute die Häuser und Kais der historischen Innenstadt. Es riecht nach Staub, Wiese und Kanalwasser. Möwen schreien, an den vor Anker liegenden Hausbooten blühen Blumen in Töpfen.

Zu den explizit als lesbisch gelabelten Orten Amsterdams zählen das B’ Femme (leider seit 2025 geschlossen), das Café Saarein sowie die Bar Buka, die Marianne van der Wildt im Jahr 2019 eröffnete.

Da Marianne gerade nicht in der Stadt ist, haben wir uns via Zoom zum Interview verabredet. Sie ist 44, hat einen Abschluss in International Economics. Die Idee, eine Lesbenbar zu betreiben, sei anfangs nur ein Scherz gewesen, erzählt sie L-MAG. „Wir haben uns gefragt: Warum gibt es so viele schwule Orte, und so wenige für uns? Da habe ich zu einer Freundin als Witz gesagt: Ich mache selbst was auf! Ein Jahr später hatte ich eine Bar.“

Da sie in Indonesien geboren ist, habe sie sie Buka genannt, nach dem indonesischen Wort für „offen“. Offen und bunt sieht auch das Interieur aus, mit vielen kleinen Tischen. Es gibt Speeddating, Treffen für Kinksters oder für Frauen über fünfzig. Für den extra sapphischen Flair sorgen die Cocktails, die Marianne „Gold Star“, „Femme“ oder „Lesbeau“ getauft hat.

Anders als noch vor zehn Jahren steigen heute einige Partyreihen für FLINTA* in den Clubs der Stadt. Das freue sie natürlich, sagt Marianne; aber wenn ihre Bar freitags nicht voll wird, mache ihr das Sorgen. „Ich sage: Lesbische Orte können nur existieren, solange die Lesben herkommen.“ Ihre Motivation, weiterzumachen, ist ähnlich wie bei Tori Anneke. Sie möchte der Community etwas zurückgeben. Bei der traditionellen „Canal Parade“ am 1. August – dieses Jahr Highlight der World- Pride – wird das Buka-Team mit einem eigenen Boot dabei sein.

Tori war übrigens Stammkundin im Buka, bevor sie selbst das Lellebel übernahm. Marianne wurde für sie eine Art Mentorin, gab Tipps. Wie der Papierkram funktioniert, welche Vorräte an Wodka, Rum und Gin es braucht. Das Motto, das auf der Schaufensterscheibe des Buka steht, hat Tori sich, in dankbarer Würdigung, auf ihren Unterarm tätowieren lassen: „Where girls meet”.

Station drei: Café ’t Mandje

Vor der Bar Lellebel startet auch die „Queer Heroes for Amsterdam Pride Tour“, eine Stadtführung der besonderen Art. Wir treffen uns dafür bei bedecktem Himmel um halb zwölf am Vormittag. Der Leiter der Tour, „Storyteller“ Guus Møystad, stellt uns eine Reihe historischer Persönlichkeiten vor. Zum Beispiel Chevalier d’Éon: spionierte für Frankreich und begann ab 1777, offen als Frau zu leben. Am Dam, dem Amsterdamer Hauptplatz, zeigt Guus uns das Bildnis dreier Dichterinnen aus dem 17. Jahrhundert. Lady Questiers schrieb Liebesgedichte für Lady van der Veer – später aber für Lady Lescailje. Die lesbischen Teilnehmerinnen unserer Stadtführung nicken verstehend. Big Drama.

Die Tour endet schließlich beim Café ’t Mandje. Das sieht zum großen Teil noch aus wie früher, mit Buntglas an der Fassade und einem verschnörkelten Schriftzug. Mehrere Fahrradklingeln ertönen, als wir versuchen, von der Straße vor dem Café aus Fotos zu machen. Bis zu ihrem Tod 1967 wirkte hier Bet van Beeren: Legendäre Motorrad-Butch und, wie wir erfahren, ebenso einfallsreich wie mutig. Ihr Café war nicht nur Treffpunkt für die queere Community. Während des Zweiten Weltkrieges versteckte sie darin auch jüdische Nachbar:innen, außerdem Waffen und Munition für den Amsterdamer Widerstand.

Drinnen sind bis heute die Spiegel zu sehen, die Bet van Beeren anbringen ließ. Sie hängen neben jedem Tisch, ungefähr auf Kopfhöhe. Wer mit anderen Gästinnen flirten wollte, konnte so Blickkontakt aufnehmen, ohne dass mögliche verdeckte Ermittler, die sich im Café befanden, dies bemerkten.

Am Schluss unserer Pressereise, kurz vor dem Rückflug, ist noch Zeit für eine Cola im Mandje. Bet lächelt von Bildern an der Wand, im Hintergrund laufen niederländische Chansons. Auf die „Queer Heroes“ der Stadt, die alten wie die neuen. Auf uns!

 

World Pride Amsterdam, 25.7.-8.8.2026, Infos

„Queer Heroes for Amsterdam Pride”-Tour: Infos

Ausstellung über die Canal Pride im Amsterdamer Grachtenmuseum:

„Love on the Canals – 30 Years of Canal Parade”, 3.7.-27.9.2026, Infos

amsterdam & partners: Infos

 

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