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Filmtipp „Mit leiser Stimme“: Queer in Tunesien

8.7.2026 - Als Lilia zu ihrer Familie in Tunesien zurückkehrt, hält sie ihre Beziehung zu Nina geheim... Regisseurin Leyla Bouzid erzählt in „Mit leiser Stimme“ auf einfühlsame Weise von den Geheimnissen und verschwiegenem Begehren einer Familie. Kinostart: 9. Juli.

Von Nina Süßmilch

10.2.2026 - Es gibt eine Szene im Film, die allegorisch für das queere Leben in Tunesien gelesen werden kann. Die in Paris lebende Tochter Lilia (Eya Bouteraa) versucht gemeinsam mit ihrer Mutter Wahida (Hiam Abbas) und der Tante Hayet (Fériel Chammari), einen Vogel zu befreien. Immer wieder fliegt der in das Haus der Großmutter, flattert dort wild an der Decke, während die Frauen gemeinsam versuchen, ihn ins Freie zu scheuchen. Erst als sie sich setzen und abwarten, findet der Vogel allein seinen Weg hinaus.

Wer ist der Unbekannte, der um den Onkel trauert?

Die Frauen befinden sich im Haus der Großmutter (Salma Baccar) und trauern gemeinsam um den kürzlich verstorbenen Onkel Daly (Karim Rmadi). Im Flur stapeln sich Stühle für die Trauergäste, die Tag für Tag bis in den Hof hinaus sitzen, um des Verstorbenen zu gedenken. Tee wird gereicht, man umarmt sich, wischt die Tränen aus dem Gesicht.

Die Kamera von Sebastian Goepfert zeichnet das trauernde Miteinander in weichem Licht. Familie, Freund:innen und Bekannte scheinen im Schmerz vereint.

Lilia ist aus Paris angereist und sieht immer wieder Kindheitserinnerungen, in denen sie mit ihren Cousins und dem Onkel Karten spielt. Auch hier zeichnen die Überblendungen ein harmonisches Miteinander. Doch unter der Trauer und den Gemeinsamkeiten liegen Geheimnisse.

Jede Person scheint ein Geheimnis zu haben – oder eines zu kennen – und trägt es wie Teegläser auf einem Tablett in jedes Gespräch und in jede Zusammenkunft hinein. Wer weiß was und wie viel? Und warum kommt dieser unbekannte Mann in das Trauerhaus, um Daly zu verabschieden?

Alice und Lilia geben sich als „Mitbewohnerinnen“ aus

Der Film beginnt mit Lilias Ankunft, die kurz zuvor ihre Partnerin Alice (Marion Barbeau) im Hotel abgesetzt hat, denn von der Familie darf niemand wissen, dass Lilia lesbisch ist.

In Tunesien steht Homosexualität unter Strafe und Alice und Lilia reisen als „Mitbewohnerinnen“. Im Patriarchat sind lesbische Frauen paradoxerweise etwas mehr geschützt, denn „weibliche Homosexualität nehmen sie nicht ernst“, wie ein Anwalt später erklären wird.

Nur Lilias Vater ist eingeweiht in die Homosexualität der Tochter, was schließlich Mutter Wahida, als sie davon erfährt, scheinbar am stärksten verletzt: Die Tochter hat sie jahrelang belogen.

Die Regisseurin Leyla Bouzid entfaltet komplexe zwischenmenschliche Handlungen mit einem fast liebevollen Blick. Niemand will belügen und verletzen. Doch wie frei können sich Menschen wie Lilia oder Onkel Daly entfalten und kommunizieren, wenn ihr Begehren unter Strafe steht?

Zwischen Akzeptanz und Ablehnung

Jeder Schritt wird abgewägt, in jedem Blick könnte ein Hinweis liegen. Im Streit zwischen der Mutter Wahida und Tante Hayet wird genau das offenbar: Dalys Homosexualität ist vielen irgendwie bekannt, wird aber tief vergraben und beschwiegen. Man glaubt, die Großmutter schützen zu müssen, bis Tante Hayet zischt: „Denkst du, sie sieht nicht alles?“

Selbst in einer Diskussion mit ihren Cousins erfahren Lilia und Alice nicht nur offene Ablehnung oder Verdrängung, sondern auch das subtile Othering der gutmeinenden Heterosexuellen, wenn der liberale Cousin dem konservativen entgegenhält, dass die Bestrafung von Homosexualität nicht mehr zeitgemäß sei. So lange es privat geschehe, störe es doch nicht.

Zwischen dieser feinen Membran des Vermutens und Wissens, der Akzeptanz und der Ablehnung bewegt sich der Film und zieht die Zuschauenden hinein in eine Welt, die nur einigen wenigen eine gewisse Form der Freiheit zugesteht.

Lilia versucht in den Tagen der Trauer mehr über ihren geliebten Onkel zu erfahren, lernt dabei sich und ihre eigenen Ängste kennen und muss sich entscheiden, wie mutig sie sein kann und will.

Ein kleiner Spoiler sei hiermit gegeben: Eine schallende, wunderbar befreiende Ohrfeige ist Teil ihrer Entscheidung.

Mit leiser Stimme, Deutschland/Tunesien 2026, 112 Minuten, Regie: Leyla Bouzid, mit Eya Bouteraa, Hiam Abbas, Fériel Chammari und Marion Barbeau, ab 9. Juli im Kino

 

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