Nur Lilias Vater ist eingeweiht in die Homosexualität der Tochter, was schließlich Mutter Wahida, als sie davon erfährt, scheinbar am stärksten verletzt: Die Tochter hat sie jahrelang belogen.
Die Regisseurin Leyla Bouzid entfaltet komplexe zwischenmenschliche Handlungen mit einem fast liebevollen Blick. Niemand will belügen und verletzen. Doch wie frei können sich Menschen wie Lilia oder Onkel Daly entfalten und kommunizieren, wenn ihr Begehren unter Strafe steht?
Zwischen Akzeptanz und Ablehnung
Jeder Schritt wird abgewägt, in jedem Blick könnte ein Hinweis liegen. Im Streit zwischen der Mutter Wahida und Tante Hayet wird genau das offenbar: Dalys Homosexualität ist vielen irgendwie bekannt, wird aber tief vergraben und beschwiegen. Man glaubt, die Großmutter schützen zu müssen, bis Tante Hayet zischt: „Denkst du, sie sieht nicht alles?“
Selbst in einer Diskussion mit ihren Cousins erfahren Lilia und Alice nicht nur offene Ablehnung oder Verdrängung, sondern auch das subtile Othering der gutmeinenden Heterosexuellen, wenn der liberale Cousin dem konservativen entgegenhält, dass die Bestrafung von Homosexualität nicht mehr zeitgemäß sei. So lange es privat geschehe, störe es doch nicht.
Zwischen dieser feinen Membran des Vermutens und Wissens, der Akzeptanz und der Ablehnung bewegt sich der Film und zieht die Zuschauenden hinein in eine Welt, die nur einigen wenigen eine gewisse Form der Freiheit zugesteht.
Lilia versucht in den Tagen der Trauer mehr über ihren geliebten Onkel zu erfahren, lernt dabei sich und ihre eigenen Ängste kennen und muss sich entscheiden, wie mutig sie sein kann und will.
Ein kleiner Spoiler sei hiermit gegeben: Eine schallende, wunderbar befreiende Ohrfeige ist Teil ihrer Entscheidung.
Mit leiser Stimme, Deutschland/Tunesien 2026, 112 Minuten, Regie: Leyla Bouzid, mit Eya Bouteraa, Hiam Abbas, Fériel Chammari und Marion Barbeau, ab 9. Juli im Kino