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Wahl in Sachsen-Anhalt: Zwischen Angst und Entschlossenheit

3.9.2026 - Sachsen-Anhalt wählt am 6. September einen neuen Landtag. Laut Umfragen könnte danach die AfD den Ministerpräsidenten stellen. Was macht das mit der Community? L-MAG hat die Initiative Queeres Dessau besucht und nachgefragt.

Von Anne-Katrin Wehrmann

3.9.2026 - „Das Klima ist jetzt schon rau“, sagt Riley Pätzold. „Wir haben große Angst, dass es nach der Wahl noch rauer wird.“ Pätzold ist eine der Mitgründer:innen der Initiative Queeres Dessau, die sich vor gut einem Jahr in der sächsisch-anhaltinischen Stadt zusammengefunden hat. Aktuell besteht sie aus gut fünfzig aktiven Mitgliedern. Ihr erklärtes Ziel: queeres Leben in Dessau-Roßlau sichtbar zu machen und einen stabilen Treffpunkt für Queers und Allies zu schaffen.

Und den braucht es dringender denn je. „Ich habe ganz konkrete Angst, dass die Anfeindungen auf offener Straße weiter zunehmen und Queerfeindlichkeit zur Normalität wird“, erläutert Nox Eden Großkopf. „Darum ist es uns wichtig, dass queere Menschen in der Stadt einen Anlaufpunkt haben, an dem sie sich wohlfühlen und sicher sind.“

Queerfeindliche Sprüche der AfD

Wie berechtigt die Sorgen sind, zeigt ein Blick ins Wahlprogramm der AfD, das die Partei selbstbewusst „Regierungsprogramm“ nennt. Der Tonfall ist unmissverständlich. Unter anderem ist dort von „sexuellen Abweichungen und nicht-reproduktiven Lebensweisen“ die Rede, denen die „normale Familie aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen“ als Leitbild gegenübergestellt wird.

Weil die Regenbogenflagge für die Entwertung der Familie und der tradierten Normalität stehe, soll sie an Schulen verboten werden. Die Vergabe von Fördergeldern dürfe sich „nicht mehr danach richten, ob die Antragsteller bestimmte Genderziele erreichen oder andere aus der Regenbogendoktrin gespeisten Anforderungen erfüllen“. Schulen, Vereine und Kindergärten würden unterstützt – „aber nur, wenn sie den Bürgern dienen, nicht der perversen Regenbogenpropaganda“.

„Wird uns die Polizei noch helfen?“

Im „mitte“ in Dessau sind Regenbogenflaggen nicht nur erlaubt, sondern willkommen. Das frühere Ladenlokal steht verschiedenen Gruppen seit einigen Jahren als „urbanes Wohnzimmer“ und regelmäßiger Treffpunkt zur Verfügung – auch der Initiative Queeres Dessau. „Worüber ich mir oft Gedanken mache“, sagt Louis Sander, Mitglied im Vorstand der Initiative: „Wenn die AfD wirklich am Ende die Landesregierung stellt, was macht das dann mit dem Rest von Deutschland? Die Partei bekommt dann politische Legitimität auf Landesebene – welche Auswirkungen hätte das auf andere Bundesländer?“

Riley Pätzold befürchtet, dass es Queers körperlich zu spüren bekämen, wenn die Positionen der AfD eine demokratische Legitimierung erhielten. „Dass im schlimmsten Fall ein rechtsextremer Mob hier im mitte auftaucht und wir plötzlich nicht mehr wissen: Hilft uns die Polizei oder hilft sie uns nicht?“

Safe Spaces in der Stadt kennen

Mit ihrer Anwesenheit und ihren Veranstaltungen will die Initiative, deren Eintragung als Verein aktuell in Arbeit ist, nicht zuletzt auch einen Beitrag zur Sicherheit leisten. Neben einem monatlichen Stammtisch und den zweiwöchigen Planungstreffen bietet sie diverse unregelmäßige Veranstaltungen an: zum Beispiel queere Stadtführungen, demnächst sind Filmabende und Lesungen geplant. Auch einen Selbstverteidigungskurs für queere Jugendliche hat es schon gegeben.

„Natürlich ist körperliche Auseinandersetzung die allerletzte Lösung“, macht Nox Eden Großkopf deutlich. „Der erste Ansatz wäre, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen und sich Hilfe zu suchen.“ Generell sei es Bestandteil des Sicherheitskonzepts, die vorhandenen Safe Spaces in der Stadt zu kennen und bei Bedarf auch zu nutzen: „Wir wissen, dass diese Räume abgesichert sind und abgeschlossen werden können, wenn wir in einer akuten Notsituation sind.“

In den dörflich geprägten Außenbereichen: 110 auf Kurzwahl

Und doch sei es ein ungutes Gefühl zu wissen, wenn sich – wie kürzlich geschehen – ein stadtbekannter Rechter nach den Terminen der Initiative erkundige. „Da sitzen wir dann auch hier und überlegen: Was tun wir, wenn wir angegriffen werden?“

Alles in allem sei in Dessau-Roßlau die queere Infrastruktur gemessen an der Größe der Stadt (aktuell rund 75.000Einwohner:innen) vergleichsweise vielfältig, berichtet Louis Sander. „Wir haben hier in der Innenstadt einen Flickenteppich an Safe Spaces, zwischen denen wir uns bewegen können.“

In den eher dörflich geprägten Außenbereichen sehe das schon ganz anders aus, ergänzt Riley Pätzold: „Da tauchen immer mehr erkennbare Neonazis auf. Wenn ich da unterwegs bin, schaue ich mich lieber einmal mehr um und sehe zu, dass ich die 110 auf Kurzwahl habe.“

Einschüchtern lassen will sich die trans Frau, die vor einiger Zeit aus einem Dorf in die Bauhaus-Stadt gezogen ist, allerdings nicht. „Ich persönlich denke mir: Jetzt erst recht. Ich verstecke mich nicht mehr, das habe ich lange genug getan.“

Was sagt der Umgang mit Minderheiten über demokratische Kultur?

Kurz vor der Landtagswahl sehen aktuelle Umfragen die AfD in Sachsen-Anhalt mit rund 40 Prozent deutlich als stärkste Kraft. Je nachdem, wie viele Parteien am 6. September den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, liegt eine absolute Mehrheit der Sitze im Landtag durchaus im Bereich des Möglichen.

Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt stuft den Landesverband der AfD als gesichert rechtsextrem ein und verweist in seiner Begründung auf völkisch-nationalistische Positionen sowie Angriffe auf zentrale Prinzipien der liberalen Demokratie, insbesondere auf die Menschenwürde und das Demokratieprinzip.

Was sagt es über den Zustand demokratischer Kultur aus, wenn Minderheiten abgewertet und bedroht werden? Nox Eden Großkopf antwortet mit einem Zitat des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“

Das lasse sich gut auf den aktuellen Zustand unserer Demokratie übertragen, meint Großkopf. Denn: „Es ist nicht besonders demokratisch, wenn es Menschengruppen gibt, die immer wieder ausgeschlossen, verletzt oder angegriffen werden. Und je tiefer wir da reinrutschen, desto schlechter geht es auch unserer Demokratie.“

„Wir werden aus dem Stadtbild nicht mehr verschwinden“

Vom islamistischen Anschlag auf den CSD Berlin zeigen sich die Mitglieder der Initiative erschüttert. Ihre Solidarität gelte allen, die unter den Folgen litten, betont Großkopf – und zwar explizit auch der muslimischen Gemeinde, die vor allem unter der Instrumentalisierung des Anschlags leide. „Uns ist natürlich bewusst, dass wir nicht nur von einer Seite bedroht werden. Doch das wird uns weder ruhig stellen noch dazu animieren, uns zukünftig eher zu verstecken.“ Die größte Bedrohung komme allerdings immer noch aus dem rechtsextremistischen Spektrum: Die Statistiken hierzu zeigten ein eindeutiges Bild.

Zwei Botschaften sind den Mitgliedern der Initiative besonders wichtig. Die eine richtet sich nach innen, an die queere Community: „Wir sind eine Gemeinschaft“, macht Riley Pätzold deutlich. „Wir sind füreinander da und wir helfen uns gegenseitig.“ Und die andere ist nach außen gerichtet. „Wir wollen der Gesamtbevölkerung in Dessau zeigen: Es gibt uns, und wir sind nicht nur ein paar Einzelfälle“, erläutert Louis Sander. „Rein statistisch betrachtet sind wir mehrere Tausend. Wir werden aus dem Stadtbild nicht mehr verschwinden.“

Der Einschüchterung nicht nachgeben

Ob die bisher genutzten Räume auch nach der Wahl weiterhin zur Verfügung stehen werden, muss sich zeigen. Angesichts der Pläne der AfD, Vereine und Projekte künftig stärker politisch zu kontrollieren und öffentliche Förderungen an ein Bekenntnis zu einer „patriotischen Grundhaltung“ zu knüpfen, fürchten auch die zivilgesellschaftlichen Akteure hinter diesen Orten um ihre Handlungsspielräume.

„Wenn wir uns als Verein zu patriotischen Werten bekennen müssten, dann werden wir das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht tun“, stellt Großkopf klar. „Ja, wir machen uns Sorgen, dass es diese Orte vielleicht in Zukunft nicht mehr gibt. Aber wir werden alles dafür tun, um das zu verhindern. Wir werden dafür kämpfen, dass unsere Räume erhalten bleiben.“

Eine weitere Sorge, die Riley Pätzold umtreibt: dass Menschen die Stadt und das Bundesland aufgrund der politischen Lage verlassen könnten. Von solchen Überlegungen höre sie immer wieder. Sie selbst sei auch schon gefragt worden, ob sie sich nicht lieber in Sicherheit bringen wolle. Ihre Antwort ist deutlich: „Nein. Irgendwer muss ja hier bleiben und für unsere Rechte kämpfen.“

Es sei wichtig, sich nicht dauerhaft in Angst versetzen zu lassen – denn das sei letztlich das Ziel der Rechten. Pätzold: „Angst macht klein, schüchtert ein und verscheucht die Leute zurück ins Wohnzimmer. Und genau das darf nicht passieren.“

queeresdessau.de

 

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