Von Gudrun Fertig
1.11.2026 - Schön, dass wir das hinbekommen haben: Der Verlag, in dem auch L-MAG erscheint, wurde Anfang September an die SIEGESSÄULE – Queere Medien eG für symbolische vier Euro verkauft. Ich bin sehr stolz und glücklich darüber.
Vielen Dank an alle, die sich in diesem Prozess, der weit über ein Jahr dauerte, so sehr engagiert haben. Ohne euch wäre es nicht gegangen!
Meilenstein: Gründung der Genossenschaft
Mit diesem grandiosen Meilenstein lässt sich gut Abschied nehmen. Der Verlag, die Special Media SDL GmbH, gehört jetzt der Genossenschaft und diese Form bringt näher zusammen, was für das Medienhaus mit SIEGESSÄULE, L-MAG und der Event- und Tourismusplattform Place2be.berlin schon immer eine schwierige Balance war. Als unabhängiger journalistischer Verlag zu bestehen, der dennoch nah an der Community ist, und sich oft zwischen der Unterstützung von queeren Projekten und seinem wirtschaftlichen Bestehen zu entscheiden hat.
Politisch und redaktionell darüber hinaus mit immer wachem Auge für alle, die als „die Anderen“ markiert werden und für Sichtbarkeit und Gleichbehandlung kämpfen. Innerhalb unserer LGBTIQ*-Bubble und außerhalb. Auch wenn uns das nicht immer perfekt gelungen ist.
Taffe Zeiten für einen queeren Verlag
Die Umstände für ein Gelingen dieses Spagats sind nicht leichter geworden. Medien suchen nach ihrer Rolle in Zeiten von KI und Social Media und Werbekund:innen, die an einem queeren Umfeld interessiert sind, sind sehr viel weniger geworden.
Die LGBTIQ*-Community braucht aber meiner Überzeugung nach dringend wieder Plattformen, die auch Diskussionen ermöglichen, die nicht voraussetzen, dass alle die Codes der jeweiligen Bubble schon kennen und die inhaltlich über die Kommentarspalte unter einem Instagram- Post hinausgehen. Das ist eine riesige Chance für den Verlag.
Mit der Genossenschaft im Rücken kann vieles, was für die Zukunft des Verlages nötig ist, leichterfallen. Die Mitglieder unterstützen den Verlag nicht nur ideell und finanziell, sondern bilden im besten Falle ein breites Netzwerk, das Ideen, aber auch konkrete Unterstützung einbringen kann. Rendite steht per se nicht im Vordergrund.
2003 fing der ganze Wahnsinn für mich an
Das hätte auch meinem jüngeren Ich, das 2003 im Verlag als SIEGESSÄULE-Volontärin, also mit einer Ausbildung zur Redakteurin, angefangen hat, gefallen.
Nach einem Wirtschaftsstudium, etlichen Jahren als lesbisch-feministischer Aktivistin und ersten Schritten als freier Journalistin war das ein wegweisender Neuanfang. Der beruflich meine nächsten 23 Jahre bis heute bestimmen sollte.
Zunächst als L-MAG-Redakteurin, dann als Online-Chefredakteurin (siegessaeule.de, l-mag.de, du-und-ich.net) und ab 2012 als Mitbesitzerin und Geschäftsführerin des Verlages. Ein Lebenstraum wurde für mich wahr, bei dem vieles zusammenkam, was mich begeisterte und was ich voranbringen wollte. Guter Journalismus, Einsatz für die LGBTIQ*-Community und möglichst faire Bedingungen innerhalb des Unternehmens schaffen, das waren fortan meine bestimmenden Themen.
Im Laufe der Jahre sind dabei viele gute Publikationen, großartige Events, tolle Verlagsfeiern, neue Websites und natürlich noch viel mehr entstanden. Es war nicht immer leicht und glamourös, das Schiff zu steuern, aber zusammen mit einem Team, das ebenso leidenschaftlich mit und in der LGBTIQ*-Szene arbeitet, immer absolut sinnstiftend.
Gegenwind – aber auch viel Sinnstiftendes
Natürlich sind auf dem Weg auch ein paar Illusionen zerplatzt. Gut, dass man anfangs nicht weiß, was alles so im Wege stehen kann im Laufe der Zeit. Streitigkeiten innerhalb der Szene, Auseinandersetzungen im Verlag, schwierige Entscheidungen, ein sehr enger wirtschaftlicher Spielraum. Von der Corona-Krise ganz zu schweigen. In den letzten Jahren auch ein immer rauer werdender gesellschaftlicher Gegenwind bis hin zu direkten Angriffen von sogenannten „Medien“ aus dem rechtspopulistischen Spektrum.
Jetzt, in einer Zeit, in der die Uhren plötzlich wieder rückwärts gehen, was queere Sichtbarkeit und Sicherheit betrifft, frage ich mich auch: Was hätten wir als Community, wir als Verlag, anders machen können, um diesen enormen Rechtsruck und Backlash zu verhindern? Natürlich ist jetzt die Zeit für Durchhalteparolen, das ist auch richtig. Aber wahrscheinlich macht es Sinn, darüber nochmal stärker nachzudenken.
Für mich ist es an der Zeit, mich vom Verlag zu verabschieden, von seinen Mitarbeiter:innen, den Autor:innen, Fotograf:innen, Leser:innen, Kund:innen und allen anderen, die unsere Medien digital wie im Print möglich machen, und erstmal innezuhalten.
Dann wird sich zeigen, was nach diesem unglaublichen Lebensabschnitt kommt.