Vollständige Unterdrückung
Atwood schrieb die Fortsetzung „Die Zeuginnen“, wie der deutsche Titel von „The Testaments“ heißt, über dreißig Jahre nach dem Erscheinen ihres ersten Romans „Der Report der Magd“ (Original: „The Handmaid’s Tale“). Sie wollte, erklärte sie, die vielen Fragen beantworten, die es zur fiktiven Republik Gilead und der darin umgesetzten, vollständigen Unterdrückung von Frauen und Minderheiten gab.
Wie leben Menschen, die kaum emotionale Verbindungen zueinander entwickeln dürfen und ständig überwacht werden? Im Miteinander liegt stets die potentielle Gefahr der Revolte und des Aufbegehrens. Alle, auch Männer, stehen unter einem Generalverdacht, der potenziell tödlich enden kann. Man nehme das Alte Testament wörtlich, erkennt Daisy, die kotzend aufs Klo rennt, nachdem sie die erste körperliche Bestrafung miterlebt hat.
Genau hier – in den Kommentaren der jungen Daisy oder in denen der gefürchteten Aunt Lydia (Ann Dowd) – schimmert in der Serie manchmal Atwoods legendärer Witz und ihr messerscharfer Intellekt durch und man wünscht sich mehr davon.
Fünfzehn Jahre nach dem „Report der Magd“
Die Erzählung bewegt sich fünfzehn Jahre nach dem „Report der Magd“ in den Kreisen und auf den Stockwerken, in die die Zofen wie die damalige Hauptfigur Offred meistens nur zur systematischen Vergewaltigung gehen durften.
Wir sehen riesige Schlafzimmer mit angrenzenden Badezimmern. Gut abgeschirmt werden die Töchter der hochrangigen Commander in einer Welt erzogen, in der sie weder Lesen noch Schreiben lernen, dafür eine ganze Menge Handwerk angedeiht bekommen. Sobald die Schülerinnen ihre Menstruation bekommen, werden sie an ledige Commander verheiratet, oftmals deutlich älter als sie, um Kinder zu gebären.
Darin liegt in Gilead der Wert einer jeden Frau, sei es die Frau eines Commanders oder eine Zofe, wie im „Report der Magd“ ausführlich beschrieben. Die Rollen sind klar verteilt. Natürlich bilden sich aber auch in dieser kontrollierten Welt Banden und die Serie endet mit einer Katastrophe, für die vor allem die lesbische Becka den Preis zahlen muss.
Serie: „The Testaments: Die Zeuginnen“, USA 2026, Disney+, 10 Folgen, Creator: Bruce Miller, mit Chase Infiniti, Mattea Conforti, Lucy Hall, Ann Dowd u.a.
Roman: Margaret Atwood, „Die Zeuginnen“, Berlin Verlag, 2019, gebunden (Berlin Verlag): 22,99 €, Taschenbuch (Piper Verlag): 15,- €, E-Book: 11,99 €