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Anna Calvi: "Darüber zu singen, mit einer Frau zusammen zu sein, ist durchaus politisch"

19.9.2018 - Der Umzug zu ihrer Freundin nach Frankreich inspirierte sie dazu, über Genderthemen und lesbisches Begehren zu singen. Wir sprachen mit Anna Calvi über ihr neues Album "Hunter", starke Frauen und konservativen Rollback.

Von Giorgio Benedetti

19.9.2018 - Als die britische Indiekünstlerin Anna Calvi im Juni ihr neues Album „Hunter“ live im Berliner Berghain vorstellte, sorgte ihre wuchtige Artrock-No-Wave-Show für nachhaltige Euphorie. Der dunkel-geschmeidige Gitarrenpop der ersten beiden Platten wurde auf Album Nummer drei zu einem ebenso düsteren wie kompromisslosen Kunstrock, gespickt mit Texten über Genderthemen und lesbisches Begehren.

Anna, dein neues Album heißt „Hunter“ (dt.: JägerIn, Anm. d. Red.). Wer ist damit gemeint? In unserer Kultur gibt es so viele Beispiele für Frauen, die von Männern gejagt werden. Für mich als Teenagerin wäre es gut gewesen, wenn ich mehr Vorbilder oder Darstellungen weiblicher Jägerinnen gehabt hätte. Der Begriff bedeutet für mich, nach Dingen zu suchen, die einem Vergnügen bereiten, nach Freiheit zu suchen, nach etwas zu suchen, das einem das Gefühl gibt, entfesselt zu werden.

Du hast die Platte explizit als „queeres Album“ bezeichnet. Wie kam es zu dieser Positionierung? Ich denke, dass meine Musik immer schon dieses queere Element hatte. Leute, die es finden wollten, haben es in meiner Kunst gefunden, alle anderen haben es nicht bemerkt. Auf dieser Platte geht es allerdings explizit darum, mein Geschlecht zu erforschen. Ich wollte sicherstellen, dass die Queerness meiner Musik für alle Leute klar wird – sogar für diejenigen, die sich damit bisher noch nicht auseinander gesetzt haben.

Dein Sound hat sich verändert, ist rauer und düsterer geworden. Was hat dich inspiriert? Es war der Entschluss, mein Leben zu ändern und neu anzufangen. Ich bin nach Frankreich gezogen, um dort bei meiner neuen Freundin sein zu können, und ich kannte sonst wirklich niemanden dort. Das war quasi der Anfang meiner Jagd. Ich musste mich neu finden, und meine Freundin ermutigte mich, dabei spielerischer zu sein und mich selbst tiefer zu erkunden. Ich habe viel an meiner Bühnenpräsenz und meiner Musik gearbeitet. Ich gehe jetzt mehr Risiken ein, und ich denke, dass meine Texte deshalb auf dieser Platte direkter sind als vorher. Ich beginne gerade erst, mich als Musikerin und als Person zu entwickeln.

Der Titel deiner Single „Don’t Beat the Girl Out of My Boy“ klingt recht provokativ. Worum geht’s? Es geht um die Herausforderung, die es darstellt, glücklich zu sein. Persönliches Glück wirkt wie ein Schutzschild gegenüber den Dingen, die andere von dir denken oder sagen. Es geht darum, die Version von dir selbst zu sein, die du sein möchtest – ohne die Einschränkungen durch das, was die Gesellschaft dir zugewiesen hat.

Lass uns über „Alpha“ sprechen. Mit Formulierungen wie „Alpha Female“ bildest du ein Gegenstück zu stereotypen Männlichkeitskonzepten... Sprache schreibt uns unbewusst vor, wie wir uns gegenüber der Welt zu fühlen haben. Zum Beispiel diese Vorstellung, dass Männer stark sind und Frauen schwach. Es ist absurd zu glauben, dass nur Männer stark sind, und es ist auch nicht wahr, dass weiblich sein bedeutet, schwach zu sein: Das ist eine Lüge, die uns verkauft wird. Ich wollte das gängige Bild eines „Alpha Male“ verwenden und es aus weiblicher Perspektive formulieren bzw. neu besetzen – denn die meisten starken Menschen, die ich kenne, sind Frauen. Mich faszinieren außerdem die zwei Seiten, die sich meist hinter extremen „Alpha-Menschen“ verbergen: Auf der einen Seite voller Zuversicht und Mut, werden sie, wenn sie alleine sind, heimgesucht von Unsicherheit und Paranoia. Niemand ist ausschließlich mächtig und selbstbewusst.

In „Chain“ gibt es eine wiederkehrende Textpassage, die beinahe wie ein Mantra klingt: „I’ll be the boy, You’ll be the girl, I’ll be the girl, You’ll be the boy, I’ll be the girl“. Was hat es damit auf sich? Ich dachte, wenn ich diese Wörter immer wieder wiederhole – Junge, Mädchen, Mann, Frau –, würde ich vielleicht die Grenzen dieser Begriffe im Vergleich zur tatsächlichen menschlichen Erfahrung deutlich machen. Wenn wir uns mehr in der Mitte des Geschlechterspektrums verorten würden, könnten wir vielleicht einen Weg finden, uns besser aufeinander zu beziehen.

Bei deinem Konzert neulich im Berghain hast du viel mit klassischen, männlich konnotierten Rockstarposen gearbeitet. Ein Kommentar auf die Situation von Frauen in der Musikindustrie? Ehrlich gesagt, habe ich in meiner Show nicht versucht, irgendwas zu imitieren: Ich habe nur versucht, eine freie physische Darstellungsform für die Musik zu finden. Am Ende des Tages sind wir alle Kunstschaffende, unser Geschlecht sollte dabei keine Rolle spielen. Ich würde gerne an den Punkt kommen, wo so was egal ist. Im Allgemeinen glaube ich, dass Frauen weniger zugetraut wird, bis sie beweisen, dass sie etwas können, während Männern mehr zugetraut wird, bis sie beweisen, dass sie eigentlich nichts können. Das ist ein wichtiges Thema, über das man sprechen muss, und ich denke, dass viele Künstlerinnen das bereits tun. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns.

Wie fühlst du dich als britische Künstlerin im Kontext von Brexit und konservativem Rollback in der Politik? Ich finde es beängstigend und deprimierend. Diese ganzen negativen Entwicklungen entstehen aus einem Klima der Angst. Bei drohenden oder tatsächlichen wirtschaftlichen Zusammenbrüchen geht es immer darum, dass die Leute einen Schuldigen brauchen. Angesichts von Leuten wie Donald Trump ist es aber wichtig, sich auch vor Augen zu halten, dass es viele wirklich kluge und weltoffene Jugendliche gibt. Es fühlt sich an, als habe die junge Generation ein größeres politisches Bewusstsein. Sie wissen einfach mehr über die Welt als ich damals als Teenagerin. Vielleicht ist das der Vorteil der sozialen Medien. Es gibt also noch Hoffnung.

Glaubst du, dass KünstlerInnen in dieser Situation etwas tun können, um ein größeres kritisches Bewusstsein zu schaffen? Ich denke, der ganze Sinn der Kunst ist es zu spiegeln, was in der Gesellschaft passiert. Ich glaube nicht, dass man künstlerisch arbeiten kann, ohne dabei auch in irgendeiner Weise politisch zu sein; selbst wenn es nicht so offensichtlich ist. Meine Platte zum Beispiel ist auf den ersten Blick nicht übermäßig politisch, sondern eher eine persönliche Erforschung von Geschlecht: Aber darüber zu singen, mit einer Frau zusammen zu sein und als Frau Lust ohne Scham zu empfinden ist durchaus in gewisser Weise politisch.

Konzerte: im November 2018 in Leipzig, Wien (Österreich), Rust, Fribourg (Schweiz) und Zürich (Schweiz), im Januar 2019 in Berlin, München, Hamburg und Köln - alle Infos & Termine hier

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