Von Annabelle Georgen
4.2.2026 - In ihrem zweiteiligen WDR-Hörspiel „Nixe“ erzählt die queere Autorin Tia Morgen von einer leidenschaftlichen lesbischen Beziehung zwischen der Protagonistin und ihrer früheren Schwimmtrainerin und ersten großen Liebe, die schnell in eine Spirale der psychischen und physischen Gewalt kippt. Das Hörspiel in der ARD-Audiothek verfügbar. Wir trafen Tia Morgen zum Gespräch.
Tia, wie kommt es, dass du dich mit dem Thema, Gewalt in lesbischen und queeren Beziehungen so intensiv auseinandersetzt?
Tia Morgen: Schon während der Recherche für die WDR-Hörspielserie „Desire“, in der es um die Lebensrealitäten queerer Sexarbeiter:innen ging (wir berichteten), bin ich immer wieder auf das Thema Gewalt in queeren Beziehungen gestoßen. Gleichzeitig begegnete es mir auch ganz konkret in meinem eigenen Alltag und Umfeld als queere Frau. Was mich dabei besonders beschäftigt hat, war das Schweigen: Es gibt nur wenig mediale und künstlerische Auseinandersetzung dazu und selbst innerhalb der Community sprechen wir nur selten über Gewalterfahrungen. Irgendwann bin ich auf das Buch „In the Dream House“ von Carmen Maria Machado gestoßen sowie auf den Sammelband „Naming the Violence“ aus den 1980er-Jahren. Ab diesem Punkt ließ mich das Thema nicht mehr los.
Die Hauptfigur im Hörspiel „Nixe“, Jara, hat einen Podcast über Beziehungen und Sex. Sie führt Interviews mit Betroffenen von Gewalt in lesbischen und queeren Beziehungen. Dieses Material basiert auf wahren Gesprächen mit Betroffenen. Wie viel Realität steckt in deinem fiktionalen Hörbuch?
Ich habe im Rahmen der Recherche tatsächlich Interviews mit Betroffenen geführt und diese für das Hörspiel fiktionalisiert. Mir war wichtig, neben Jaras Geschichte unterschiedliche Erfahrungen sichtbar zu machen. Gerade in lesbischen und queeren Beziehungen existieren tief verankerte Annahmen, etwa dass Gewalt klar entlang äußerlich gelesener Geschlechtercodes verläuft. Die Gespräche haben gezeigt, wie vielfältig Gewaltformen und Dynamiken tatsächlich sind. Ein zentraler Gedanke war außerdem: Wissen schützt nicht. Wir neigen dazu zu glauben, dass uns Aufklärung, politisches Bewusstsein oder Community immunisieren. Aber das tun sie nicht. Jara steht mitten im Leben, ist soziale eingebettet, hat beruflichen Erfolg und spricht selbst öffentlich über tabuisierte Themen. Trotzdem gerät sie in eine Gewaltdynamik. Genau diese Spannung interessiert mich.
Jara ist in eine Frau verliebt, die sie zunehmend schlecht behandelt, verunsichert und stark kontrolliert. In zahlreichen Szenen zeigst du die verborgenen Mechanismen dieser toxischen Beziehung, wie beispielsweise die Freundin immer wieder die Rollen umkehrt und Jara glauben lässt, sie sei selbst schuld an einem Streit. Betroffene brauchen oft lange, bevor sie dieses System enttarnen...
Ja, weil Gewalt in Beziehungen selten als solche beginnt. Sie tarnt sich als Fürsorge, Nähe oder besondere Intensität. In queeren Kontexten kommt hinzu, dass wir Konflikte oft nicht benennen wollen – aus Angst vor Isolation und Stigmatisierung, und davor, der eigenen Community zu schaden oder bestehende Stereotype zu bestätigen. Täter:innen nutzen genau diese Hemmungen aus, etwa durch Schuldumkehr und emotionale Verunsicherung. Erschwerend wirkt, dass es kaum Vorbilder und Erzählungen darüber gibt, wie Gewalt in queeren Beziehungen konkret aussieht. Viele Betroffene verfügen schlicht nicht über die Sprache, um das Erlebte einzuordnen. In lesbischen Beziehungen kommt hinzu, dass wir uns oft nicht vorstellen können, dass Frauen selbst gewaltvoll handeln können. Diese Vorstellung verschiebt Schuld, verharmlost Übergriffe und erschwert es Betroffenen, das Erlebte als Gewalt zu erkennen.