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Lesbisch, lesbisch, lesbisch! Plädoyer für einen unpopulären Begriff

25.4.2019 - Wieso eigentlich ist das Wort „lesbisch“ bei vielen lesbischen Frauen so unbeliebt? Dabei würde es uns allen nutzen, wenn wir es entspannter und pragmatischer verwenden würden. Eine Fürsprache zum „Tag der lesbischen Sichtbarkeit“.

Von Karin Schupp

25.4.2019 - Am 26. April feiern wir den „Tag der lesbischen Sichtbarkeit“ – ein noch junger Aktionstag, 2008 ausgerufen vom spanischen LGBT-Verband FELGTB, der seit letztem Jahr auch in Deutschland begangen wird (wir berichteten).

Er soll die Öffentlichkeit daran erinnern, dass nicht alle Frauen hetero und nicht alle Homosexuellen schwul sind (wir alle kennen die CSD-Berichte, die mit „Schwulenparade“ betiteln sind und nur Fotos von Dragqueens, Ledermännern und schnuckeligen Jungs zeigen).

Alles lieber als lesbisch - das scheint die Devise zu sein

Er soll aber auch innerhalb der immer größer werdenden LGBTIQ-Buchstabensuppe an die Existenz von Lesben erinnern. Und ganz ausdrücklich auch die lesbische Identität benennen.

Denn gerade unter Frauen, die sich ausschließlich oder ganz überwiegend in andere Frauen verlieben und Sex mit ihnen bevorzugen, gibt es inzwischen fast inflationär viele alternative Selbstbezeichnungen: „frauenliebend“, „gay“, „queer“, „pansexuell“, „omnisexuell“ oder (wie es ein gleichnamiger Podcast propagiert) „Busenfreundinnen“, und manche geben sich auch das Label „nicht gelabelt“: Alles lieber als lesbisch - das scheint die Devise zu sein.

Und dabei spreche ich ausdrücklich nicht von denjenigen, die tatsächlich für alle Geschlechter, also auch trans* und nonbinäre Personen, offen sind und das mit den Vorsilben pan- oder omni- ausdrücken, und auch nicht von denjenigen, die sich vorsichtshalber nicht festlegen wollen (da sie ja in dreißig Jahren doch mal mit einem Mann im Bett landen könnten und sich dann jahrzehntelang falsch definiert hätten…).

Lesbisch klingt "nicht schön"? Und was ist mit "herzlich" und "lässig"?

Nein, auch viele Cis-Frauen, die nur mit Cis-Frauen zusammen sind und sein wollen, nennen sich nicht gerne „Lesbe“ und „lesbisch“, weil sie die Worte nicht mögen. Das klingt, so wird kritisiert, „nicht schön“, „negativ und irgendwie aggressiv“ oder „altmodisch“.

Echt jetzt? Das ist der Grund? Die deutsche Sprache hat nun mal nicht gerade den Ruf, angenehm zu klingen, aber das hindert uns nicht daran, sie tagtäglich zu sprechen, ohne einzelne Begriffe auszutauschen, die uns nicht gefallen. Oder hat sich schon jemand über den Klang von „herzlich“, „ehrlich“ oder „lässig“ beklagt? Oder „schwarzgelbes, fies stechendes Insekt“ gesagt, nur um das Wort „Wespe“ zu umgehen?

Und immerhin leitet sich „lesbisch“ von der schönen Insel Lesbos ab, auf der seinerzeit die Dichterin Sappho ihre Liebe zu Frauen besang – wie viele Worte haben schon so eine poetische Herkunft?

Lesbisch und schwul - selten wertfrei verwendet

„Schwul“ klingt ja auch nicht direkt schön, hat seinen Ursprung in der „Schwüle“, also der drückenden Hitze (daher auch der „warme Bruder“) und wird zudem auf Schulhöfen als Schimpfwort gerufen – und doch bezeichnen sich die allermeisten homosexuellen Männer nach ihrem Coming Out ohne Hadern so.

Woher kommt also die irrationale Aversion? Natürlich wurde auch der Begriff „lesbisch“ in seiner kurzen Geschichte selten wertfrei und häufig homophob verwendet: Er wurde um 1870 eingeführt und wurde lange als etwas Krankhaftes verstanden und gesellschaftlich geächtet.

Sich selbstbewusst als „lesbisch“ zu bezeichnen, kam erst hundert Jahre später, gemeinsam mit der neuen Frauenbewegung, auf. Die angestaubte Lila-Latzhosen-Achselhaare-Separatismus-Anmutung (die selbstverständlich schon damals längst nicht für alle Lesben stimmte) hängt dem Wort deswegen wohl auch bis heute noch an.

Erst sichtbar, seit es einen Namen dafür gibt

Aber - und jetzt kommt ein sehr wichtiger Punkt: Sowohl Ende des 19. Jahrhunderts als auch Anfang der 1970er Jahre sorgte die Vewendung der Bezeichnung „lesbisch“ für – ja, ihr ahnt es - Sichtbarkeit! Natürlich gab es schon immer Liebe und Sex unter Frauen, aber erst als ein Name dafür gefunden wurde, wurde ihre Existenz wahrgenommen. Für die zunehmende Akzeptanz sorgten (auch) die Frauen, die in den letzten Jahrzehnten offen lesbisch lebten und das auch so benannten.

Und diese Selbstverständlichkeit sorgt ja nicht nur für ein Umdenken in Hetero-Köpfen, sondern signalisiert auch anderen Frauen, die glaubten, mit ihren Gefühlen alleine zu sein und sie deshalb bisher unterdrückten oder versteckten, dass sie zu einer gar nicht so kleinen Gruppe zu gehören.

"Ach sooo, sie ist lesbisch"

Das aber funktioniert nur, wenn wir zeigen, dass wir viele sind und uns nicht in kleinteiligen Begrifflichkeiten verlieren, die von der breiten Masse entweder nicht verstanden oder umstandslos in „Ach sooo, sie ist lesbisch“ übersetzt werden.

Wenn es uns aber selbst unangenehm ist, „lesbisch“ zu sagen, dann wirkt das doch nach außen nur so, als würden wir – ganz egal, ob das nun stimmt oder nicht - es nicht wagen, das Kind beim Namen zu nennen und es stattdessen verschämt zum Tabu-Thema zu machen, ja, letztlich: als sei es uns peinlich, lesbisch zu sein. Und wie können wir dann erwarten, dass Heteros unbefangen mit uns umgehen?

Gemeinsamer Dachbegriff, anstatt sich in Unterschieden zu verlieren

Wäre ein Dachbegriff, mit dem wir gemeinsam nach außen und innen hin Stärke zeigen, nicht besser als viele individuelle Labels? Auch und gerade gegenüber den erstarkenden rechtskonservativen Kräften, die sich darüber freuen, wenn wir uns in Unterschieden statt Gemeinsamkeiten verlieren.

Wäre es also nicht einfacher, über den eigenen, sprachsensiblen Schatten zu springen und ganz pragmatisch das Wort „lesbisch“ zu verwenden, solange es kein besseres gibt, auf das sich alle einigen (und das kann, wie die Geschichte zeigt, hundert Jahre dauern!).

Ja, es gibt schönere Worte als „lesbisch“, aber wenn wir es selbstbewusst, positiv und immer wieder verwenden, dann wird es an Klang gewinnen. Probiert’s mal aus! In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen Tag der lesbischen Sichtbarkeit!

Veranstaltungen zum Tag der lesbischen Sichtbarkeit, 26. April:

Berlin, Alexanderplatz, 17 Uhr: Kiss-In

Berlin,  AHA (Monumentenstraße 13), 16-23 Uhr: Diskussionen, Workshops, Poetry und Show, Eintritt frei

Frankfurt/ M., Klaus-Mann-Platz, Mahnmal „Frankfurter Engel“, 16-20 Uhr: Zusammenkommen und gemeinsam sichtbar werden, mit Infos, Redebeiträgen, Kunst und Musik

 

Weitere Tage der Sichtbarkeit:

Trans Visibility Day: 31. März

Bisexual Visibility Day: 23. Sept.

Intersex Awareness Day: 26. Okt.

Pansexual Pride Day: 8. Dez.

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