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Tubbe-Sänger Henri: „Ich dachte lange, ich passe nirgendwo rein“

Zur Boyband wurde das Berliner Indie-Pop-Electro-Duo Tubbe, seit Sänger Henri sein trans Coming Out hatte. Im L-MAG-Interview erzählt er von seiner Transition, seinem Verhältnis zur Lesbenszene und queerem Dating.

Von Hannah Geiger

26.5.2019 - 2012 zierte Henri, der Sänger der Berliner Indie-Pop-Electro Band Tubbe, noch das L-MAG-Cover – damals als Sängerin. Mittlerweile ist viel passiert: Die Band arbeitet an ihrem dritten Album und hat Anfang Mai die erste Single daraus veröffentlicht: „Schwarzes Schaf“. Und auch privat hat sich viel getan: Henri hatte sein trans Coming-Out und sitzt mir heute als sympathischer junger Mann gegenüber, der lustig ist und wahnsinnig soft. „Was hast du da?“, fragt er, als ich zu meinem Ingwertee eine kleine Portion Honig serviert bekomme. „Honig“, sage ich und er: „Klasse“. Die restliche Zeit des Interviews schleckt er genüsslich den Honig aus dem Glas, während ich ihn zu seinem trans Coming-Out, Abschied von der lesbischen Szene und trans-Sein in Beziehungen ausfrage.

L-MAG: Tubbe ist jetzt eine Boyband. Ist das nicht ein komisches Gefühl?

Henri: (lacht) Wir kokettieren natürlich mit dem Begriff der Boyband, aber geändert hat sich eigentlich nichts. Außer dass ich mich in meinem Leben gut eingerichtet habe und sich das auch in der Interaktion mit anderen Menschen bemerkbar macht. Eigentlich waren wir davor auch schon eine Boyband, nur mit weniger Bart.

Inwiefern macht sich das bemerkbar?

Wenn man mit sich selbst zufrieden und ausgeglichener ist, dann ist es auch viel leichter, andere zu mögen. Nicht, dass ich davor niemanden mochte, aber wenn man nicht ständig diesen unbestimmten Kummer und Ballast mit sich rumtragen muss, ist es sehr viel einfacher. Für mich zumindest.

Eure neue Single heißt „Schwarzes Schaf“. Fühlst du dich denn wie ein „schwarzes Schaf“, also wie ein Außenseiter?

Ich bin eher ein rosa Schaf (lacht). Nein, im Ernst: ja, das Gefühl hat mich lange begleitet. Ich dachte, ich passe nirgendwo rein und fragte mich, warum ich nicht ins Leben „einraste“. Solche Gedanken haben mich sehr beschäftigt. Mittlerweile nicht mehr so stark, deshalb würde ich mich heute auch eher als schwarz-rosa gescheckt bezeichnen.

Zu welchem Zeitpunkt wusstest du, dass du trans bist?

(Überlegt). Das wird immer gefragt, aber das ist schwer zu sagen. Genau wusste ich es vor circa fünf Jahren, die Ahnung, dass da etwas im Busch ist, hatte ich aber schon viel länger. Vieles wird einem erst im Nachhinein klar, nachdem man es das erste Mal ausgesprochen hat. Zum Beispiel, warum man nie baden gehen oder lange vor dem Spiegel stehen wollte.

Du hattest also ein schwieriges Verhältnis zu deinem Körper und dann einen Moment, in dem der Groschen gefallen ist?

Ja, genau. So nach dem Motto: „Oh, scheiße – darum geht es also!“ Man muss alles komplett umkrempeln und ist sehr ahnungslos. Wenn man ganz am Anfang steht und diesen riesigen Berg vor sich sieht, ist es überwältigend. Es stellen sich viele Fragen wie: Wie lange dauert das alles? Was kann passieren? Wie reagieren Freund_innen, Familie, Job? Und es braucht alles wahnsinnig viel Zeit. Es war nicht so wie damals bei meinem lesbischen Coming-Out. Da sagte ich zu meinen Eltern: Ich steh auf Frauen, und dann war es gesagt. Aber zu offenbaren, dass ich trans bin und meinen Namen und Personenstand ändern möchte, war nochmal ganz anders.

In einem Interview meintest du, dass die Zahlen von Lesben im Publikum bei Tubbe-Konzerten gesunken sind. Schmerzt dich das?

Ich muss sagen, dass sich das davor schon eine Weile angebahnt hat. Am Anfang war es ein recht lesbisches Publikum, aber unser Label Audiolith hat viele linke Gigs gebucht, deshalb spielten wir dann eher in anderen Räumen. Ich weiß nicht, ob „die Lesben“ irgendwann ein Plenum abgehalten und entschieden haben: „Da gehen wir jetzt nicht mehr hin“. Wenn das so war, wünsche ich, davon informiert zu werden (lacht).

Ich habe von keinem Plenum gehört… Du musstest aber schon auf eine Art Abschied von der lesbischen Szene nehmen, oder?

Nicht so wirklich, weil ich mich dort nie hundertprozentig zu Hause gefühlt habe. Ich war – vor allem, seit ich in Berlin lebe - nicht viel unterwegs in der lesbischen Szene. Ich gehe zwar noch in die Olfe (beliebte Kreuzberger Kneipe und Treffpunkt für Lesben und Queers, Anm. d. Red.) aber ich war nie groß lesbisch aus. Ich hatte mich auch schon immer eher als queer verortet. Und jetzt als trans Typ treibe ich mich in der queeren Szene herum, und das fühlt sich sehr richtig an.

Es gibt ja dieses Vorurteil, dass trans Männer transitionieren, um mehr Privilegien zu haben oder Sexismus zu „entgehen“… Was entgegnest du auf solche Aussagen?

Das wäre ein hoher Preis, den man zahlen muss! Ich glaube, das ist eine sehr unüberlegte, uninformierte und kurzsichtige Sichtweise. Außerdem ist es transfeindlich. Mit solchen Aussagen sollte man sehr vorsichtig sein. Jemand, der so etwas sagt, weiß nichts von dem Kummer, den trans Menschen haben. Ein paar Beispiele: Ich muss mich jedes Mal beim Arztbesuch erklären, musste zwei sehr teure Gutachten über mich anfertigen lassen, mir dabei blöde Fragen anhören, in der Umkleide ist es schwierig, viele trans Menschen verlieren ihre Familien oder Jobs, und Schwarze trans Frauen in den USA beispielsweise haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 35 Jahren. Es ist völliger Unfug zu sagen, nur weil ein trans Mann transitioniert hat, hat er jetzt alle Privilegien dieser Welt und ist ein heterosexistisches Schwein wie alle anderen. Sich darauf einzuschießen, dass trans Männer den Feminismus oder die lesbische Szene untergraben würden, ist Quatsch. Als hätte ich nichts anderes im Kopf! Den trans Typ muss man mir echt noch zeigen. Da trinke ich lieber noch einen Schluck Honig.

Deine beste Freundin hat dich bei deiner Transition begleitet und darüber den Podcast „Transformer“ gemacht, der mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde. Darin geht es auch um deine – zuvor lesbisch/ queere - Beziehung, die im Laufe der Transition gescheitert ist. Hatte das etwas miteinander zu tun?

Ich glaube schon, aber nicht ausschließlich. Beziehungen enden eben, egal ob der andere eine Entscheidung mit so einer Tragweite trifft, wie es bei mir der Fall war, oder nicht. Manche Paare trennen sich, weil der andere immer zu laut trinkt (lacht). Was bei uns – glaub ich – nicht der Fall war. Es hat sich bei uns einfach auseinander entwickelt aber ich glaube auch, dass Henri – also meine Entscheidung – die Sache beschleunigt oder intensiviert hat. Deswegen an etwas festzuhalten, macht keinen Sinn. Manche Dinge haben Konsequenzen. Das passiert ja auch, wenn man in ein andere Stadt zieht und keine Fernbeziehung will. Bei mir war es mein „Umzug“ sozusagen.

Wie ist es denn, als trans Mann zu daten?

Dating-Apps können da eine große Hilfe sein. Da kann man in die Beschreibung schreiben, dass man trans ist und das finde ich ganz gut, damit Leute von Anfang an Bescheid wissen. Ich war kurz bei Okcupid angemeldet, finde aber Dating-Apps an sich bescheuert, weil ich es nicht mag, Leute „wegzuwischen“, als wäre ich auf einem Markt. Ansonsten gibt es beim Daten natürlich immer den Moment, in dem man als trans Person sagen muss: „Übrigens, kleine Zusatzinfo…“ Da muss man situativ entscheiden, wann ein guter Moment ist und ob man sich in einer guten Umgebung befindet.

Es gibt viele queere/ lesbische Paare, bei der eine Person transitioniert. Hast du Tipps?

Es ist immer wichtig, dass man miteinander darüber redet, was einen beschäftigt. Während der Transition passiert sehr, sehr viel. Nicht nur der Name verändert sich. Ich glaube, dass es klappen kann, zusammen zu bleiben aber es ist wichtig, dass man kommuniziert und auch Sorgen und Ängste miteinander teilt. Man muss sehr ehrlich sein, denn auch Ängste sind okay. Es gibt leider kein Patentrezept, womit es sicher klappt, aber selbst wenn es nicht klappt, heißt ja nicht, dass man sich auf einmal hassen muss. Man kann sich ja einig sein: Das war jetzt eine gute Phase, du hast deine Entscheidung getroffen, und ich bin einfach lesbisch.

Zum Schluss noch drei Dinge, wofür Tubbe als Band steht.

Gleichheit, Freiheit, Queerness. Und Honig!

Nächstes Tubbe-Konzert: Habitat Festival, Hohenlockstedt, 25. – 28. Juli

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