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Kinotipp „Bombshell“: Der Beginn von #MeToo mit Knalleffekt

12.2.2020 - Eine wahre Geschichte: „Bombshell“ erzählt, wie Mitarbeiterinnen von Fox News ihren Boss wegen sexueller Belästigung und Nötigung zu Fall brachten. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie, der das Drehbuch eine Affäre mit Kate McKinnon gönnt.

Von Frank Hermann

12.2.2020 - „Niemand will eine verschwitzte Frau mittleren Alters auf dem Bildschirm sehen“, wettert TV-Mogul und Fox News-Chef Roger Ailes (John Lithgow im Fatsuit), nachdem die Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) sich in ihrer Sendung ungeschminkt präsentiert hat. Dieser Ausbruch ist nur ein Symptom und der Grundton eines zutiefst misogynen und gewalttätigen chauvinistischen Regiments, in dem sich karrierebewusste Frauen fortwährend sexueller Belästigung ausgesetzt sehen. Da zieht ein Make-up-freier Auftritt die männliche Erregungskurve ins Soll und sorgt für demütigende Äußerungen.

Für Carlson sind derartige Vorfälle der Auslöser, sich nach jahrelangem Schweigen gegen die Praktiken ihres Chefs zu wehren. Dies ist eine Schlüsselszene in Bombshell (= sowohl Bombe als auch Knalleffekt und Sexbombe), einem Film aus der Prä-MeToo-Zeit, der zeigt, was weibliche Solidarität erreichen kann.

Die Roger Ailes-Affäre aus dem Jahr 2016 kann durchaus als Vorbote oder Wegbereiterin von Harvey Weinsteins Absturz 2018 gesehen werden. Am Ende führten die Klagen verschiedener Frauen zum Rausschmiss von Ailes. Jahrelang hatte er Frauen in seinem Büro mit Besetzungscouch nicht nur genötigt, sondern sie definitiv missbraucht.

Karrieresprung nur über Ailes' Besetzungscouch

Ailes Druckmittel war stets die Aussicht auf den Karrieresprung bei seinem Sender mit durchaus sexistischem Arbeitsklima. Hat frau es vor die Kamera geschafft, sitzt sie gemäß der bei Fox News gepflegten Corporate Identity und Ästhetik in figurbetonter Kleidung und den unvermeidlichen High Heels am freistehenden Tisch, damit der Zuschauer ordentlich was zu sehen bekommt.

Neben Kidman als Carlson agiert Charlize Theron als Fox-Frontfrau Megyn Kelly (beide übrigens politisch erzkonservativ). Zum Leidwesen von Roger Ailes war sie 2015 vor laufender Kamera den damaligen Präsidentschaftskandidaten Trump angegangen - wegen seines bekannt respektlosen Umgangs mit Frauen.

Nur allmählich wird Kelly zur Galionsfigur der zweiten Welle des Widerstands gegen den chauvinistischen Chef des Senders. Nach langem Ringen mit sich selbst geht auch sie mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit und bringt etliche Frauen dazu, mitzuklagen. Natürlich gibt es Kolleginnen, die lieber alles under cover halten würden, aber sie halten die Enthüllungen nicht mehr auf.

Theron mit einer der besten Leistungen ihrer Laufbahn

Die Darstellung des Fox-Kosmos‘ in Bombshell ist eine Orgie aus Sheaths, Make-up, Mörder-Pumps und Kunsthaar. Die Maskenbildner*innen und Perückenmacher*innen haben ganze Arbeit geleistet. Vielleicht ist es auch deswegen zunächst schwierig, hinter all der aufgebrezelten Fassade die Emotionen ausfindig zu machen. Um den dargestellten Moderatorinnen optimal zu ähneln, sind Charlize Theron und etwas weniger Nicole Kidman durch plastisches Make-up so verändert, dass sie kaum wiederzuerkennen sind. Trotz all der Prosthetik gelingt Theron ein Bigger than Life-Porträt der Fox-Frontfrau.

Theron, die den Film mitproduziert hat, strahlt in ihrer Präsenz und liefert eine der besten Leistungen ihrer Laufbahn. Dicht gefolgt von Margot Robbie (beide waren für einen Oscar nominiert) als Kayla Pospisil. Diese Figur beruht nicht auf einer einzigen realen Person, sondern fasst die Schicksale verschiedener Opfer zusammen. Wie Ailes sie in seinem Büro bedrängt und dazu nötigt, ihr Kleid immer höher zu schieben, damit er erst ihre Beine und dann ihren Schlüpfer sieht, ist so abstoßend wie schmerzhaft. Am Ende des Films gehört auch Kayla zu den Aufständischen.

Margot Robbies hätte den lesbischen Plot gerne stärker ausgebaut

Das Drehbuch gönnt Kayla eine lesbische Affäre mit ihrer Kollegin Jess Carr, gespielt von der offen lesbischen US-Schauspielerin Kate McKinnon (Ghostbusters). Jess ist eine flotte Lesbe, die allerdings sehr viel Wert darauf legt, in diesem repressiven Mediensystem ungeoutet zu bleiben (auch als liberale Hillary Clinton-Anhängerin!). Für Kayla bleibt sie eine verlässliche Freundin, auch wenn ihre Romanze nicht weitergesponnen wird.

Robbie zeigte sich von diesem Aspekt des Plots so begeistert, dass sie am liebsten ein Spin off drehen würde, bei der die Beziehung der beiden Frauen noch mehr ausgebaut würde. „Insgeheim wünschte ich mir eine Fortsetzung, in der Kayla und Jess auf einen Road Trip gehen mit ihren so verschiedenen politischen Ansichten und ihrer wachsenden Romanze“, sagte sie dem Magazin Variety. Für sie sei Kayla eine Frau, die ihre Anziehung durch andere Frauen nicht wahrhaben will. Womöglich würde sie sich dessen nicht bewusst sein wollen, „bis sie 60 ist“ und davor diverse Männer heiraten. Aber Kayla habe ein klares Bild vor Augen von der Frau, für die sie ihre Familie verlassen wird. Wow!

Weitere queere Schauspielerinnen in Nebenrollen

Es dauert also, bis Wut und Empörung sichtbar und glaubhaft werden. Vielleicht ist es dem Medium Fernsehen respektive dem US-amerikanischen geschuldet, wo selbst Nachrichtensendungen einen gewissen oberflächlichen Glamour haben und die Moderatorinnen für europäische Augen eher nach Beauty-Salon aussehen als nach Information.

Neben McKinnon als Jess sind in Nebenrollen noch einige weitere lesbische/ queere Schauspielerinnen dabei, so Brigette Lundy-Paine und Liv Hewson als Assistentinnen von Charlize Theron, außerdem Holland Taylor und Anne Ramsay.

Bombshell – Das Ende des Schweigens, USA 2019, Regie: Jay Roach, Buch: Charles Randolph, 110 min. - Kinostart: 13. Februar

 

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