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Russland: Queere Aktivistin von Gefängnisstrafe bedroht - „Aufhören war nie eine Option“

15.3.2020 - Die queere Aktivistin Yulja Tsvetkova steht in Moskau schon seit drei Monaten unter Hausarrest, weil sie die Zeichnung einer Regenbogenfamilie und körperpositive Bilder verbreitete. Mit L-MAG sprach sie über die Vorwürfe und wie sie sich dagegen wehrt.

Von Hannah Geiger

15.3.2020 - Weil sie ein Bild von zwei queeren Paaren mit Kindern gemalt und körperpositive Zeichnungen verbreitet hat, steht die Moskauerin Yulja Tsvetkova, eine queere LGBT*-Aktivistin und Leiterin des nun geschlossenen Kindertheaters „Merak“, seit drei Monaten unter Hausarrest und wurde zu einer Geldstrafe von 100.000 Rubeln (circa 1225 €) verurteilt. Schon zuvor war sie wegen eines Kindertheaterstücks über Genderstereotypen verhaftet worden.

Ende März steht der 26-Jährigen eine Gerichtsverhandlung bevor. Ihr droht eine Gefängnisstrafe von bis zu sechs Jahren. Hintergrund ist unter anderem das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“, das das Leben für queere Menschen in Russland seit 2013 noch schwerer macht.

Das Moskauer Communitycenter, eine Plattform für LGBT*-Initiativen, und die internationale LGBT*-Kampagnenplattform All Out haben gemeinsam eine Petition gestartet, in der die russischen Behörden aufgefordert werden, alle Anklagen gegen Yulja fallen zu lassen und das „Propagandagesetz“ abzuschaffen. Parallel dazu könnt ihr eure Solidarität zeigen, indem ihr eure Version von Yuljas Zeichnung – wie hier, hier und hier - mit den Hashtags #DrawThisInYourStyle, #YuljaTsvetkova und #FreeYulja postet.

Im L-MAG-Interview sprach Yulja über die Vorwürfe gegen sie, die Situation für LGBT* in Russland und wie sie sich dagegen wehrt.

L-MAG: Du stehst seit drei Monaten unter Hausarrest. Wie sieht dein Alltag momentan aus?

Yulja Tsvetkova: Ich lese, schreibe Artikel und Blogeinträge über meine Festnahme, zeichne, schaue Filme und arbeite an ein paar Projekten. Eigentlich das, was alle machen würden, wenn sie so lange zu Hause sitzen müssten. Zusätzlich kümmere ich mich um einige juristische Dinge. Ich habe seit einiger Zeit Zahnschmerzen und die Polizei erlaubt mir nicht, zum Arzt zu gehen. Abgesehen davon ist der Hausarrest aber ganz erträglich.

Wirst du außerhalb deines Hauses von Polizist_innen bewacht? Und kannst du Besucher_innen empfangen?

Ich werde nicht physisch bewacht, aber ich habe eine elektronische Fußfessel, die alle meine Bewegungen überwacht. Ich darf das Haus nicht verlassen (auch nicht, um ins Krankenhaus zu gehen) und wenn ich zu Gericht muss oder zur Polizei, begleitet mich eine spezielle Wache in einem Polizeiauto. Ich kann das Internet benutzen, und Leute können mich besuchen kommen.

Du wirst auf Grundlage des „Gay Propaganda“-Gesetzes von 2013 verfolgt, das Erwachsenen verbietet, vor Kindern über LGBT-Themen zu sprechen, damit diese keine „nicht-traditionelle sexuelle Neigungen“ entwickeln. Schon für ein Theaterspiel mit Kindern wurdest du letztes Jahr verhaftet. Um was genau ging es darin?

Das Stück hieß „Rosa und Blau“, und es handelte davon, wie Genderstereotypen Jungs und Mädchen schaden. Es hatte überhaupt nichts mit LGBT zu tun. Als wir das Stück im Februar 2019 das erste Mal aufführen wollten, haben wir die Aufmerksamkeit der Regierung und der Polizei auf uns gezogen. Der Grund dafür war ein Missverständnis. Für unsere Regierung und die Polizei sind Genderstereotypen gleichbedeutend mit LGBT, sie kennen den Unterschied nicht. Meine Schüler_innen und ich wurden damals von der Polizei verhört. Momentan stehe ich wegen drei Dingen unter Anklage: Eine Strafsache wegen „Pornographie“, für die ich bis zu 6 Jahren Gefängnis bekommen könnte, und zwei Fälle von „Propaganda“, für die ich jeweils 50.000 Rubel Strafe zahlen muss. Der Grund dafür waren körperpositive Kunst, eine Zeichnung, die sich mit queeren Familien solidarisiert, und einige Artikel, die betonten, wie wichtig es ist, LGBT-Jugendliche zu unterstützen und wie queere Menschen in Russland diskriminiert werden.

Wie hat sich das Leben queerer Menschen in Russland seit dem „Gay Propaganda“-Gesetz verändert?

Es gibt seitdem weniger öffentliche Veranstaltungen, weniger Sichtbarkeit, mehr Angst und mehr Heimlichtuerei. Keine einzige Organisation darf öffentlich LGBT-Jugendliche unterstützen. Es gibt eine ständige Jagd auf LGBT-Lehrer_innen. Homophobie wird stärker. Es gibt mehr Angriffe auf Aktivist_innen, weil Homo-Hasser sich „im Recht“ fühlen. Mit jedem Jahr wird es schlimmer und schlimmer.

Wie hat die Regierung von deinem Theaterstück erfahren? Hat dich jemand, der das Stück gesehen hat, verpetzt?

Die Regierung hat unser Stück schon wegen des Namens verboten, bevor es überhaupt gezeigt wurde. Keine der Zuständigen hat je vorher mit uns darüber gesprochen. Wir haben das Stück einmal heimlich gezeigt, nachdem es zweimal verboten und wir mehrfach von der Polizei verhört worden ware. Alle, die das Stück gesehen haben, mochten es. Übrigens, man kann das Stück auch im Internet sehen (siehe unten)!

Eines Tages hat also einfach die Polizei an deiner Tür geklopft und dich zu einem Verhör gebracht? Was haben sie dich in dem Verhör gefragt und wie haben sie sich dir gegenüber benommen?

Die Polizei hat mich am 22. November 2019 um 6 Uhr morgens am Bahnhof verhaftet. Ich wurde zur Polizeistation gebracht und dort für fünf Stunden festgehalten. Dann wurde ich über die Anklage informiert und mein Haus und die Arbeitstelle meiner Mutter wurden durchsucht. Die Polizisten haben über mich gelacht, über meine Vagina geredet und anzügliche Kommentare gemacht. Nach der Hausdurchsuchung haben sie ein Video von meiner Wohnung im Internet gepostet.

Warst du überrascht oder schockiert, als du von den Vorwürfen gehört hast, oder hast du damit gerechnet?

Die Polizei hat mich ein Jahr sehr genau beobachtet. Ich habe bemerkt, dass der Kreis immer enger wurde in den letzten Monaten, es war also keine große Überraschung. Ich war verärgert und sehr, sehr wütend.

Das ist nicht das erste Mal, dass du Probleme mit den Behörden hast. 2019 wurde ein Festival, das du organisiert hast, verboten, weil du dort auch das Theaterstück zeigen wolltest. Was motiviert dich dazu, deine Arbeit und deinen Aktivismus weiterzumachen?

Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aufzuhören, das war überhaupt keine Option. Ich habe mich eher gefragt, wie ich meine Arbeit fortsetzen kann. Wahrscheinlich, weil all das, gegen das ich gekämpft habe, Sexismus, Homophobie, Gewalt und Diskriminierung nicht weniger wurden. Wie hätte ich da aufhören können?

Haben queere Menschen oder Menschen, die mit Kindern arbeiten allgemein Angst, dass ihre Nachbar_innen, Bekannten oder Kolleg_innen sie verpfeifen, wenn sie über LGBT-Themen sprechen? Herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens?

Ich denke, es gibt heutzutage nicht mehr viele queere Menschen, die mit Kindern arbeiten. In meinem Fall versuchen mir Leute zum Beispiel Kindesbelästigung anzuhängen. Schlimmer kann es gar nicht kommen. Also: ja, das Misstrauen ist hoch und die Situation sehr ernst.

Du wirst auch wegen einer Zeichnung von queeren Familien und Zeichnungen von Vaginas verfolgt, die du auf deinem Social-Media-Kanal „Vagina Monologues“ verbreitet hast. Die Zeichnung war ein Zeichen der Solidarität mit einem queeren Paar, das mit seinen Kindern aus Russland fliehen musste. Kanntest du das Paar, und wo leben sie jetzt?

Ich kannte das Paar nicht persönlich, aber deren Geschichte war in Russland sehr bekannt. Es gab eine große Solidaritätskampagne damals. Die Bedrohung für queere Familien mit Kindern ist in Russland sehr präsent, und es ist wichtig, dagegen vorzugehen. Viele queere Familien haben das Land verlassen, leben nun in Sicherheit und können ihre Kinder als offen queer lebende Eltern erziehen.

Denkst du auch manchmal darüber nach, Russland zu verlassen?

Nicht nur manchmal. Ich werde dieses Land verlassen, sobald mein Prozess endet. Die Lage in diesem Land wird mit mehr und mehr Homophobie, einer neuen Verfassung und neuen diskriminierenden Gesetzen immer schlimmer. Trotzdem will ich die russische Gesellschaft unterstützen, aber aus dem Ausland.

Deine Verhandlung ist Ende März. Wie bereitest du dich darauf vor?

Das genaue Datum steht noch nicht fest. Es gibt nicht viele Vorbereitungen, die ich treffen kann, also warte ich nur und hoffe.

Was ist die Strategie der Verteidigung? Wirst du auf nicht-schuldig plädieren?

Wir haben ein unabhängige Studie aus dem Kunstbereich, die beweist, dass positive Körperbilder nicht das gleiche sind wie Pornographie. Und natürlich bin ich nicht schuldig und sage das immer wieder vor Gericht und bei der Polizei.

Du wirst wegen einem Kindertheater und einer Zeichnung verfolgt. Zwei sehr unschuldige Dinge. Wovor hat die russische Regierung Angst?

Liebe. Persönlichkeit. Freiheit. Meinungen. Gedanken. Alles, was sie nicht kontrollieren oder von dem sie nicht profitieren können.

Hast du Hoffnungen, dass das „Gay Propaganda“-Gesetz bald abgeschafft wird?

Nein, überhaupt nicht. Ich denke, die Lage wird noch schlimmer werden. Im Moment bearbeitet die Regierung unsere Verfassung, Putin will noch 16 weitere Jahre Präsident bleiben und das Land ist in einer großen ökonomischen und sozialen Krise. Wir müssen weiter kämpfen, aber die Hoffnungen sind sehr niedrig.

Es gibt eine internationale Solidaritäts-Kampagne für dich. Wie groß ist deine Hoffnung, dass du nicht ins Gefängnis musst?

Ja, Glasnost ist unsere stärkste Waffe hier, und ich merke wie die Polizei mich anders behandelt, seit mein Fall international bekannt wurde. Ehrlich gesagt, meine Hoffnungen sind niedrig, weil ich weiß, dass unsere Gerichte sich nicht immer an Gesetze halten und es nicht immer Gerechtigkeit gibt. Trotzdem, abgesehen davon, habe ich keine Angst, weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Die weltweite Unterstützung hilft mir, an meinen Fall zu glauben, und daran, dass alles gut werden wird. Irgendwann. Und ich bin sehr dankbar dafür.

Wir sind ein lesbisches Magazin. Hast du keine Angst, dass du wegen des Interviews noch mehr Probleme bekommst?

Nein. Ich bin stolz auf meine queere Identität und muss vor nichts Angst haben.

Wie können dich Leute in Deutschland unterstützen?

Schreibt über meinen Fall. Die Leute sollten wissen, dass es selbst 2020 noch Länder gibt, in denen die Diskriminierung von LGBT und Frauen so schwerwiegend sind. Leute sollten wissen, dass man in unserem Land für körperpositive Kunst, Vorträge über Safer Sex und Theaterstücke ins Gefängnis kommen kann. Unsere Stärke ist unser Zusammenhalt!

Petition für Yulja Tsvetkova auf allout.org

 

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