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Dream Wife: „Der Sexismus hat nicht aufgehört, das ist ein andauernder Kampf“

7.7.2020 - Die queere, feministische Band Dream Wife spricht im L-MAG-Interview über ihr neues Album „So When You Gonna…“, ihre musikalischen Ikonen, Frauen in der Musikbranche und über das Klischee, dass die zweite Platte immer die schwerste ist.

Von Sarah Stutte

7.7.2020 - Die britisch-isländische Band Dream Wife formierte sich 2014 in Brighton – von Leadsängerin Rakel Mjöll, Gitarristin Alice Go und Bassistin Bella Podpadec zunächst als einmalige Kunstperformance gedacht, die den Status Quo ihrer Universität, an der alle drei Bildende Kunst studierten, in Frage stellen sollte. Beim Uniprojekt blieb es zum Glück nicht. 2018 erschien ihr Debütalbum, und in der Folge tourten die drei Frauen mit Bands wie Garbage, Sleigh Bells und The Kills.

Nicht ohne Grund war der Song „F.U.U.“ von ebendieser Platte auch in der 6. Staffel von Orange is the New Black zu hören. Denn die Frauenband erhebt konsequent die Stimme für die LGBTQ+-Community und setzt sich für die Rechte von Frauen, queeren und nichtbinären Menschen ein. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die Musikindustrie, in der die Quote weiblicher Akteure immer noch erschreckend gering ist.

Bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt es dabei nicht. Rakel, Alice und Bella setzen um, was sie predigen. Davon überzeugen kann man sich nicht nur auf ihrem neuen Album „So When You Gonna...“ (erscheint am 3. Juli), das nach punkigem 80er-Jahre-Sommer tönt und unter dessen Oberfläche es brodelt, sondern auch im Interview mit L-MAG.

 

Wie geht's euch gerade? Was macht ihr während dieser Monate, in denen ihr nicht auftreten könnt?

Alice: Wir gärtnern zurzeit fleißig (lacht). Daneben verbringen wir viel Zeit miteinander, spielen zusammen und tüfteln an neuen Songs. So verarbeiten wir die Krise und fragen uns gleichzeitig, ob die Musik es durch unsere offenen Fenster und über unsere Hausmauern hinweg schaffen wird oder in unseren vier Wänden einfriert.

Auf eurem neuen Album „So When You Gonna...“ handelt ein Song von dieser verrückten Zeit. „Hasta la Vista“ ist ein Abschied von dem, was man bis anhin kannte, oder?

Bella: Ja, es gibt viele Parallelen zur aktuellen Situation. Der Song war einer der ersten, den wir schrieben, als wir nach unserer 18-monatigen Debütalbum-Tour mit 200 Shows zurück nach London gekommen sind. Die Dinge um uns herum hatten sich geändert und wir auch. Enge Beziehungen sind auseinandergefallen, andere entstanden. „Hasta la Vista“ war eine Art Bestandesaufnahme. Ein Innehalten, sich umschauen und wahrnehmen, was man sieht.

Rakel: Es geht darum, dankbar zu sein für das, was war und gleichzeitig zu akzeptieren, was heute ist. Dass Veränderungen passieren, ist vermutlich das einzige, worauf man sich ganz sicher verlassen kann. Den Song gerade jetzt zu veröffentlichen, erscheint uns richtig.

Was für eine Botschaft wolltet ihr mit dem Album-Titel vermitteln?

Bella: Dass du endlich tust, wovon du immer gesagt hast, dass du es tun wirst und es bis jetzt noch nicht getan hast (lacht). Es ist sowohl eine Herausforderung als auch eine Einladung, diese eine Sache endlich umzusetzen.

Alice: Die Art von kompromissloser Haltung, die den Rationalisten in dir ausschaltet und die Emotionen umarmt. Brich mit den eigenen Erwartungen und fang an, wirklich an dich selbst zu glauben. Die Message ist – nicht nur im Titelsong, sondern auch in einem Song wie „Sports!“ – das Leben bei den Hörnern zu packen. Zieh durch, halte nichts zurück und erfinde keine Ausreden.

Es heißt, das zweite Album sei immer das schwerste, habt ihr das auch so empfunden?

Alice: Überhaupt nicht. Für mich ist das ein Klischee, dass das zweite Album so knifflig sein soll und einer Band erst ihre Identität gibt. Dass dir ein größeres Team zur Seite steht, du aber weniger Zeit und dadurch mehr Druck hast. Das war bei uns alles nicht der Fall. Für uns hat sich durch das zweite Album die Chance geboten, etwas ins Rollen zu bringen und Dinge auszuprobieren, die wir schon lange ausprobieren wollten. Wir können dadurch unsere Skills als Live-Band verfeinern und gleichzeitig eine neue, popsensiblere Facette unserer Musik zeigen. Es war aufregend, nicht nur im Songwriting neue Wege zu beschreiten, sondern auch im Studio, in der Zusammenarbeit mit unserer Produzentin Marta Salogni, die unsere Ideen wirklich verstanden hat und sie richtig kanalisieren konnte.

Bella: Wir haben als Band zum ersten Mal richtig viel Zeit in einem Studio verbracht. Beim ersten Album dauerten die Aufnahmen nur eine Woche. Ich fand es toll, mich wirklich dem Schreiben widmen zu können. Dadurch schienen alle kreativen Ideen auf ekstatische Weise nur so aus meinem Herz und meinem Kopf herauszufliessen.

Apropos Songwriting. Eure Texte haben es thematisch in sich. In „Temporary“ geht es um Fehlgeburt und in „After the Rain“ um Abtreibung. Ist der Blickwinkel von Musikerinnen auf solche spezifisch weiblichen Themen ein anderer?

Rakel: Ja, ich denke schon. „Temporary“ spiegelt vor allem die Scham, die einer Abtreibung anhaftet und diesen endlos erscheinenden Schmerz, den man durchleidet. Doch der Song erzählt auch von der Hoffnung, solche Herausforderungen bestehen zu können.

Bella: Wir können uns sicher besser in solche Erlebnisse einfühlen. Frauen sollten ihre eigenen Geschichten erzählen. In ihrer Stimme liegt eine Kraft, die von einer tiefen Erfahrung und einem tiefen Verständnis herrührt.

Für euer Album habt ihr mit einem komplett weiblichen Team zusammengearbeitet. War das von Anfang an so geplant oder hat sich das so ergeben?

Alice: Wir haben uns mit verschiedenen Produzenten getroffen. Dann sind wir Marta Salogni begegnet, die schon für Künstlerinnen wie Björk oder FKA Twigs gearbeitet hat und es war, als würde sich der Nebel lichten. Vom ersten Tag an war sie sehr interessiert an einem Austausch und wollte uns nicht ihren Stempel aufdrücken. Sie hat den Songs erlaubt, zu wachsen. Es hat sich einfach richtig angefühlt, mit ihr zu arbeiten. Damit haben wir auch umgesetzt, was wir predigen. Der Anteil von Frauen in der Musikproduktion liegt bei weniger als 5%. Uns ist es wichtig, unsere Schwestern in unserem Sinne zu unterstützen.

Deshalb habt ihr auch einen Podcast ins Leben gerufen, der denselben Titel wie euer neues Album trägt. Dort unterhaltet ihr euch mit Marta Salogni und weiteren Akteurinnen aus dem Musikbusiness. Wie kam es dazu?

Bella: Der Podcast entstand aus dem Bedürfnis heraus, die anregenden Gespräche zu teilen, die wir mit unseren Freunden und Leuten aus unserem Team geführt haben. Wir wollten diese Gespräche einem breiteren Publikum zugänglich machen und damit Menschen helfen, damit sie die Dinge, die sie im Leben tun möchten, angehen können. Für uns Musikfrauen bietet sich dadurch die Möglichkeit, Wissen auszutauschen und sich so gegenseitig zu unterstützen.

Rakel: Weil wir so begeistert waren, dass diese Platte so rund läuft, führten wir im Studio die interessantesten Gespräche über Frauen, die sich wie Marta auf den Weg gemacht hatten, ihren Platz im Musikbusiness einzunehmen. Sie hat uns von ihrer Reise erzählt, von ihren ersten Schritten in Italien bis zur Toningenieurin, Tonmischerin und Produzentin. Wir hatten einfach das Gefühl, dass die Welt dort draußen solche Geschichten hören sollte.

Alice: Wir möchten mit dem Podcast auch bestimmte Rollenvorstellungen aufheben und nicht-binären Menschen in der Musikindustrie eine Stimme und Plattform geben.

Ihr versucht, weibliche, queere und nichtbinäre Kreative auf vielfältige Art und Weise zu unterstützen. Auf eurer ersten Tour habt ihr, in jeder Stadt, in der ihr aufgetreten seid, lokale Bands als Support eingeladen. Wie war eure Erfahrung damit?

Bella: Es war großartig. Es war das Beste an der Tour, diese Bands wollten so unbedingt mit uns spielen und sie waren so gut.

Alice: Wir haben uns wirklich die Zeit genommen, uns alle Bewerbungstapes anzuhören. Da war so viel Talent zu hören, dass es schwierig für uns war, eine Entscheidung zu treffen. Es war toll, die Bands zu sehen, die uns ihr vollstes Vertrauen entgegengebracht und uns in den Gesprächen mit ihnen so viel zurückgegeben haben.

Rakel: Hoffentlich können wir das nächste Mal auf der ganzen Welt so etwas organisieren, denn wir wollen das unbedingt wieder machen. Jedesmal haben wir dadurch Einblick in die jeweilige Musikszene einer Stadt bekommen. Wir waren mittendrin und konnten richtig sehen, wie da langsam etwas gewachsen ist. Das war ein echt schönes Gefühl.

Seht ihr euch selbst als Vorbilder für junge Frauen, queere und nichtbinäre Menschen?

Bella: Die Idee einer Vorbildfunktion ist für mich komplex und immer mit einem gewissen Maß an Verantwortung verbunden. Vielleicht ist die beste Art, zu versuchen, ein gutes Vorbild zu sein, wenn du in dem was du tust, so ehrlich und präsent wie möglich bist.

Alice: Genau das haben wir versucht in die Texte einfließen zu lassen. Das ist ehrlich und präsent und eine Ermutigung an alle, sich zu engagieren und sich selbst ein Vorbild zu sein.

Wer waren eure weiblichen Vorbilder, als ihr aufgewachsen seid?

(Alle drei rufen wild durcheinander)

Rakel: Definitiv Debbie Harry, Whitney Houston und Dolly Parton...

Bella: Joan Jett, PJ Harvey, Beyoncé... und Madonna…

Alice: Oh mein Gott, ja, Madonna, ich mag jede einzelne Ära von Madonna, durchs Band.

Rakel: Ich denke an eine ganze Menge unglaublicher Frauen, aber auch an David Bowie und Prince, wie konnten wir die vergessen? Es gibt definitiv einen Einfluss auf dem Album, der von unseren Vorbildern zeugt.

Ich nehme an, ihr habt eure eigenen Erfahrungen damit gemacht, nicht ernstgenommen, von geifernden Männern angemacht oder als 'Girlband' in eine Schublade gesteckt zu werden? Hat das euren Kampf um Veränderung nochmals angeheizt?

Alice: Absolut. In der Anfangszeit wurden wir oft mit diesem unterschwelligen Sexismus konfrontiert, der in unserer Gesellschaft inzwischen so normal und toleriert zu sein scheint. Wir wurden belächelt und die Kritik an uns hatte nur mit unserem Geschlecht und unserer Botschaft zu tun und war kein bisschen objektiv. Einer reinen Männerband hätte man solche Sachen nie gesagt. Wir haben damals die Dinge nicht auf die gleiche Weise hinterfragt, wie wir es heute tun. Das schweißte uns aber enger zusammen und hat unsere innere Haltung geformt. Deshalb ist es uns heute so wichtig, was wir sagen oder tun und wie wir es machen. Denn es ist ja nicht so, dass dieser Sexismus aufgehört hat, das ist ein andauernder Kampf.

Rakel: Als uns noch niemand kannte, haben wir alles selber organisiert. Sicherlich war da auch eine gewisse Naivität dabei und rückblickend hätten wir vermutlich die eine oder andere schlechte Erfahrung nicht gemacht, wenn wir damals schon einen Tourmanager oder überhaupt einen Manager gehabt hätten. Dann ständen wir als Band aber auch heute nicht dort, wo wir sind. Und zu verstehen, wie sehr die Rockszene ein Männerklub ist, dem du als Frau nicht einfach so beitreten kannst, braucht seine Zeit. Noch schwerer haben es queere und nichtbinäre Bands. Sie sollen sich aber nicht entmutigen lassen, sondern ihre Stimmen erheben, damit die Leute anfangen nachzudenken.

Denkt ihr, dass aktuelle Bewegungen wie „Me Too“ helfen, die männlich geprägte Musikwelt zu verändern?

Bella: Ich finde es gut, dass die „Me Too“-Bewegung sexuelle Übergriffe an Frauen sichtbar gemacht und damit marginalisierte Stimmen endlich Gehör finden. Doch das birgt auch immer die Gefahr einer Übersättigung Wir erleben gerade eine Zeit, in der Feminismus wieder cool zu sein scheint. Doch die Diskussionen müssen tiefer gehen und die Probleme an der Wurzel packen. Das verhält sich genau gleich wie mit der „Black Lives Matter“-Bewegung. Die Gespräche über Gleichheit und Vielfalt müssen so viel größer und langlebiger sein.

Wann könnt ihr eure Tour starten?

Bella: Die Tour ist auf April 2021 angesetzt, und der Ticketverkauf geht jetzt los. Nun heißt es Daumen drücken, dass das auch so klappt. Doch im Moment ist die ganze Welt ein großes Fragezeichen. Es ist eine interessante Erfahrung für uns, ein Album zu einer Zeit herauszugeben, in der es wirklich mehr um das Album geht als um die Konzerte. Beim ersten Mal war es genau anders herum.

Rakel: Wir hoffen, es geht bald los. Wir können es kaum erwarten, wieder in Deutschland zu spielen, ihr rockt (lacht).

„So When You Gonna...“ erscheint am 3. Juli, den Podcast von Dream Wife findet ihr hier, Infos/ Termine zur Tour stehen hier.

 

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