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„Adam“: Queer, trans, hetero - Eine Komödie, die provozieren will

20.11.2020 - In „Adam“ von trans Regisseur Rhys Ernst und Ex-„The L Word“-Autorin Ariel Schrag taucht ein Hetero-Teenager in die queere Szene New Yorks ein und verliebt sich in eine Lesbe, die ihn für trans hält... Jetzt als Video-on-Demand.

Von Karin Schupp

22.11.2020 - Adam (Nichola Alexander) verbringt seine Schulferien lieber bei seiner Schwester Casey in New York als mit seinen Eltern in der Provinz. Und hofft, auf dem neuen Terrain endlich mal bei einer Frau zu landen. Sein Pech: Casey (Margaret Qualley) bewegt sich ausschließlich in queerfeministischen Kreisen und nimmt ihm schon auf der ersten Party den Wind aus den Segeln: „Das ist ein Lesbenclub. Voller Lesben.“

Und doch weckt der tapsige Teenager das Interesse der lesbischen Gillian (Bobbi Salvör Menuez), die ihn für einen trans Mann hält – ein Missverständnis, das Adam nicht korrigiert. Im Gegenteil: Via Youtube und Literatur macht er einen Schnellkurs in Sachen Testosteronspritzen, Top Surgery und Transition, schafft sich den queeren Jargon à la „heteronormativ“ drauf und landet erfolgreich bei seinem Schwarm.

Aber obwohl Adam auch anderswo überraschend problemlos als Trans durchgeht, ist ihm trotz aller Liebeshormone durchaus klar, dass sein Täuschungsmanöver nicht okay ist und ein Verfallsdatum hat…

Mit trans Lover keine „Vorzeigelesbe“ mehr?

Gillian wiederum hadert damit, dass sie mit einem trans Lover ihren Status als „Vorzeigelesbe“ (sie klagte vor einigen Jahren erfolgreich ein, mit ihrer Freundin ihren Highschool-Abschlussball besuchen zu dürfen) verlieren wird. Ganz anders Casey, die ebenfalls nicht mehr exklusiv lesbisch lebt, sich unbeschwert durch das komplette LGBTIQ-Acronym vögelt und dabei jeweils die Vorlieben und Überzeugungen ihrer aktuellen Lover*in übernimmt.

Und da der Film 2006 spielt, bekommt man nebenbei einen „historischen“ Einblick in der queerfeministische Szene New Yorks bzw. Brooklyns, auch wenn das nicht besonders auffällt, wenn man von alten Handymodellen, einer Demo für die Ehe-Öffnung und einer The L Word-Viewing Party absieht (bei der zwar Max‘ schneller Bartwuchs bekichert, aber nicht – wie es heute passieren würde - die unbeholfene und zum Teil transphobe Darstellung des trans Charakters kritisiert wird): Solche Figuren, Diskussionen und auch Sexpartys (auf der Adam – wie peinlich! – seine eigenen Schwester erblickt) gibt es wohl auch heute noch.

Schrag: „Der Roman soll provozieren“ - und das passierte auch

Die lesbische Drehbuchautorin Ariel Schrag, die die gleichnamige Romanvorlage (2014) schrieb und darin auch ihre eigene Erfahrungen – sie bewegte sich damals selbst in dieser Szene und hatte eine trans Loverin – einbaute, ist nicht an stromlinienförmigen Sympathieträger:innen interessiert und hat dabei keine Angst, als trans- und lesbophobe „Nestbeschmutzerin“ zu gelten. „Der Roman soll provozieren“, sagte sie nach seinem Erscheinen. „Er soll Gefühle wie ‚Ooooh, das ist problematisch‘ auslösen.“

Und das passierte auch: Vor allem aus der trans Community kam heftiger Protest, der sich vor der Premiere des Films wiederholte und in Boykott-Aufrufen gipfelte. Als Adam in die Kinos kam, verstummte die Kritik allerdings weitgehend. Schrag und Regisseur Rhys Ernst (Transparent), ein trans Mann, hatten nämlich strittige Punkte für den Film überarbeitet. Er habe das Buch „durch eine trans Linse“ neuinterpretiert, erklärte Ernst und kommentierte in einem anderen Interview die Vorwürfe der Transphobie: Es sei aktuell schwierig, „ein kreatives Risiko einzugehen, besonders als trans Filmemacher“, sagte er. „Es herrscht ein Krieg um Nuancen.“

Fast alle Charaktere sind spannender als die Hetero-Hauptfigur

Aber ein Transgender-Film ist Adam nicht und will es auch gar nicht sein: Über dieses Thema „gibt es gute Bücher von trans Leuten“, sagte Schrag 2015 in DIVA, ihr Roman gebe nur „einen satirischen, nuancierten Einbllick in die lesbische und trans Kultur in New York um 2006 und [zeigt], was passiert, wenn man einen cis, hetero Teenager dort hineinwirft.“

Fragwürdiger ist – zumindest fürs queere Publikum – vielmehr ihre Entscheidung, einen langweiligen Hetero-Teenie in den Mittelpunkt zu stellen. Zumal praktisch alle anderen Charaktere viel spannender wären, etwa die sprunghafte Casey, ihre Lover:innen „Boy Casey“ (Maxton Miles Baeza) und trans Frau Hazel (Dana Aliya Levinson), die unglücklich in Casey verliebte June (Chloë Levine, die auch in Staffel 2 der Netflix-Serie Diebische Elstern eine lesbische Rolle spielt) und Ethan (Leo Sheng), der ein Freund und Berater für Adam wird, aber ähnlich im Hintergrund bleibt wie sein Darsteller in seiner Rolle als Micah in The L Word: Generation Q.

Adam und Gillian durch reale Vorbilder inspiriert

Zu ihrer Hauptfigur inspiriert wurde Schrag, die auch Comiczeichnerin ist und 2006 Autorin bei The L Word war, durch ihren Co-Autoren Adam Rapp, dem einzigen (und zudem heterosexuellen) Mann im Writer’s Room. „Ich hatte diese Fantasie, dass er sich in Clubs als trans Mann ausgeben würde, um Stoff für diese Lesbenserie zu sammeln“, sagte sie, und auch für Gillians Backstory gibt es ein reales Vorbild, bei der sie sich fragte: „Was, wenn sie am Ende doch auf Männer stehen würde?. In der lesbischen Community sind Biphobie und Heterophobie weit verbreitet, und unsere ganze Gesellschaft steht sehr auf Labels. Das wollte ich mit Gillians Story thematisieren.“

Auch ohne der ganz große Wurf geworden zu sein, lohnt sich Adam dennoch, ist er doch authentisch inszeniert und bietet reichlich Wiedererkennungspotenzial und Diskussionsstoff. Und allzu häufig kommt es ja nun nicht vor, dass ein queerer Film mit LGBTQ-Menschen hinter und vor der Kamera jenseits von LGBTQ-Filmfestivals läuft.

Adam (USA, 2019), Regie: Rhys Ernst, Buch: Ariel Schrag, mit Nicholas Alexander, Margaret Qualley, Bobbi Salvör Menuez u.a., 95 min., OmU – als Video-on-Demand beim Salzgeber Club (Leihen: 4,90 €, Kaufen: 9,90 €)

Ariel Schrag Roman „Adam“ und ihre (queeren und semiautobiografischen) Comics sind leider nicht auf Deutsch erschienen.

 

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