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Interview mit Linda Marlen Runge: „Ich bin kein Mensch, der früh aufgibt“

22.4.2021 - Die Schauspielerin und Musikerin Linda Marlen Runge, bekannt durch ihre lesbische Rolle in GZSZ, gibt als Linda Mar ihr Solo-Debüt. Im L-MAG-Interview erzählt sie, wer sie zu dem Liebeslied „Irgendwann“ inspiriert hat und warum das erst der Anfang ist.

Von Paula Lochte, 22.4.2021 

L-MAG: Mit mexikanischen Musikern hast du 2011 die Band Lejana gegründet und mit dem irischen Kumpel eines GZSZ-Kollegen, Chris Morrin, die Band Blood and Honey. Jetzt hast du die Single „Irgendwann“ veröffentlicht. Wie kam es zu deinem Solo-Debüt?

Linda Marlen Runge: Das ist eins der vielen Lockdownbabys. Ich bin im Februar 2020 aus Mexiko zurückgekommen. Mit meiner Band Lejana war ich da gerade in der Endphase der Produktion unseres dritten Albums, das wir im Sommer veröffentlichen wollten – dann kam Corona. Und damit Shutdown, Lockdown, keine Reisen, keine Konzerte, nichts. Das hat mir, wie anderen Künstlern, Künstlerinnen und Crew-Mitgliedern, komplett den Boden unter den Füßen weggerissen. Das war erstmal eine ziemlich depressive Nummer, weil du denkst: „Fuck, wenn ich nicht mehr machen kann, was ich die letzten zehn Jahre gemacht habe, was mache ich dann?“ Zuerst bin ich in Aktionismus verfallen, um vor dem Stillstand wegzulaufen. Nach ungefähr fünf Wochen habe ich gemerkt, dass das nicht geht. Also habe ich mein eingestaubtes Home-Studio aus dem Schrank geholt und weitergemacht – nur ohne Band.

Du nennst das Solo-Projekt ein „Lockdownbaby“. Hattest du denn schon länger einen „Kinderwunsch“?

Der Wunsch nach einem Solo-Ding war schon immer da. Ich wusste, dass es passieren wird, nur nicht wann. Meine Mama ist eine deutsche Liedermacherin. Sie ist ein Vorbild für mich, gleichzeitig dachte ich lange: „Ich will nicht so Musik machen wie meine Mutter!“ Jetzt bin ich alt genug, um da drüberzustehen.

Neu ist nicht nur, dass du ohne Band Musik machst, sondern auch das Genre: deutscher Indiepop. Wieso dieser Sprach- und damit Stilwechsel?

Ich saß alleine in meinem zum Studio umfunktionierten Schlafzimmer und ohne groß darüber nachzudenken, ist es auf Deutsch aus mir herausgeblubbert. Ich will ehrliche Musik machen: In dem Moment habe ich mich scheiße gefühlt – das wollte ich nicht übersetzen. Denn das hätte das Gefühl verfälscht, auch wenn ich noch so gut Englisch spreche. Auf Deutsch zu singen, hat sich zum ersten Mal richtig angefühlt.

Vorher wäre es dir falsch vorgekommen, auf Deutsch zu singen?

Ich bin ein Rock-’n’-Roll-Kind. Seit ich 16 bin, hat sich mein Musikgeschmack nicht mehr großartig verändert. Ich liebe den Grunge der neunziger Jahre, der ist fast ausschließlich auf Englisch. Solche Musik wollte ich immer machen. Und dadurch, dass meine Band Lejana in Mexiko ist, haben wir uns immer auf Englisch unterhalten und Musik gemacht. Das hat sich so eingeschliffen, dass mir deutsche Songtexte komisch vorkamen. Sie klingen härter und heftiger – das fand ich nun total cool.

Der Song „Irgendwann“, deine erste Single als Solokünstlerin unter dem Namen Linda Mar, ist ein melancholisches Liebeslied.

Mit Hoffnung!

Stimmt. Immerhin heißt es darin: „Irgendwann dann vielleicht …“. Wie viel eigener Liebeskummer steckt in dem Song?

Weniger Liebeskummer als eine ordentliche Packung Weltschmerz! Es geht nicht um eine bestimmte Person. Der Text ist inspiriert von der Liebesgeschichte eines Freundes von mir, die mich zum Nachdenken gebracht hat darüber, was toxische Beziehungen sind. Jeder hatte schon mal eine Beziehung, über die deine Freunde sagen: „Die Person behandelt dich so schlecht, du musst das beenden!“ Du willst aber nicht raus, weil du an die Person und die Beziehung glaubst. Nur, weil nicht alles rosarot ist, willst du nicht die Flinte ins Korn werfen. Und dann kämpfst und kämpfst du. Manchmal klappt es, weil sich „irgendwann dann vielleicht“ in Babysteps etwas verändert – manchmal schaffst du es doch nicht.

Das Credo im aktuellen Diskurs ist eher: „Beendet toxische Beziehungen, die euch nicht gut tun und wo ihr euch in Abhängigkeit begebt!“ Hältst du ein Plädoyer dagegen?

Auf gar keinen Fall. Wenn du in einer Beziehung bist mit jemandem, der seit Jahren ein starkes Drogenproblem hat oder der dich misshandelt, schlägt oder schlecht für dich ist, dann ist das keine Frage. Diese Art von toxischen Beziehungen meine ich nicht. Aber wir leben in einer Zeit, in der Leute Beziehungen schnell beenden, wenn sie kein perfektes 100-Prozent-Komplettpaket bieten. Ich bin kein Mensch, der früh aufgibt; sei es in Liebesbeziehungen, Freundschaften oder familiären Beziehungen. Der Song ist auch eine Erinnerung ans eigene Ich: Gib nicht auf, auch wenn du gerade eine dunkle Phase hast! Wenn man sich dann an Zeiten erinnert, in denen es anders war, hält einen das fest und motiviert einen, die Rollläden doch wieder aufzumachen, rauszugehen und weiterzumachen. „Irgendwann“ ist eine Ode an toxische Beziehungen, Freundschaften oder die eigene Depression.

Lässt du in dem Song bewusst offen, ob sich das Liebeslied an einen Mann oder eine Frau richtet?

Das ist mir bisher gar nicht aufgefallen. Ich schreibe, ohne nachzudenken. Liebeslieder richten sich ja meist nicht an eine Sie oder einen Er, sondern an: „Dich“. Die Liebesgeschichte, die den Song inspiriert hat, erzählt von einer Frau. Wenn ich das singe, meine ich damit aber auch eigene Beziehungen. Ich habe es zu meinem „Du“ gemacht: zu mir selbst, zu Personen, mit denen ich schon Ähnliches erlebt habe – und umgekehrt. Ich singe auch in der Rolle von Personen, die solche Situationen mit mir erlebt haben, als es mir nicht gut ging.

In dem Musikvideo läufst du durch eine Marslandschaft und triffst auf Aliens. War das eine kleine Corona-Flucht?

Der Gitarrist, der Bassist, der Kameramann, der Regisseur, ein Tätowierer, der den Schlagzeuger mimt, und ich sind morgens von Berlin aus Richtung Cottbus zu dieser Steppenlandschaft gefahren. Einer hat die coolen Alienmasken mitgebracht und ich den Silberanzug für acht Euro. Wir hatten nicht viel Kohle, aber richtig Bock. Die Marslandschaft, dieses Nevada bei Cottbus, hat mehrere Bedeutungen. Zum einen: Wir dürfen auf der Erde gerade keine Konzerte spielen, also spielen wir aus Protest woanders. Zum anderen mochte ich die kitschige Metapher einer Astronautin, die auf einem fremden Planeten nach Gleichgesinnten sucht – genau wie eine Person, die diesen Song gerade hört und nach Leuten sucht, die sich ähnlich allein fühlen.

Welche Reaktionen hast du auf den Song bekommen?

Ich war gerührt von der Resonanz. Besonders im Gedächtnis ist mir ein YouTube-Kommentar unter dem Musikvideo zu „Irgendwann“ geblieben. Darin hat eine Person geschrieben, dass sie sich gerade total verstanden fühlt, weil sie selbst in einer Beziehung ist, die schmerzt. Sie sei diejenige, die alles zusammenhält und den anderen retten möchte – ohne Erfolg. Wie die Leute den Song verstanden, aufgegriffen und gefühlt habe, motiviert mich, weiterzumachen.

Wie geht es weiter?

Über das Jahr folgen weitere Songs. Die werden entweder zu einem Album oder einer EP. Darunter sind Protestsongs, die sich um Klimaschutz drehen und eine entspannte Roadtrip-Nummer: Wir fahren ans Meer und haben einfach Spaß.

Linda Mars Webseite

 

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