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Kino-Tipp: „Saint-Narcisse“ - Regenbogenfamilie mal anders

24.11.2021 - In „Saint-Narcisse“ über einen selbstverliebten pansexuellen Mann auf der Suche nach seiner Familie hat Bruce LaBruce eine schöne lesbische Lovestory mit ernsten Untertönen eingebaut und bleibt ansonsten seinem Rezept „Camp, Splatter, Sex und Komik“ treu.

Von Anja Kümmel

24.11.2021 - Das waren noch Zeiten, als man im Waschsalon ungeniert rauchen durfte und Selfies mit der Polaroid-Kamera schoss! Um sie dann – nein, nicht auf Instagram zu posten, sondern ganz analog an Passant_innen zu verteilen. Genau das tut Dominic (Félix-Antoine Duval), der selbstverliebte Protagonist in Bruce LaBruces neuem Film Saint Narcisse, für sein Leben gern.

Es ist 1972, und der 22-jährige Beau, auf unbeschwerte Art pansexuell, vögelt sich fröhlich durch Quebec. Alles könnte, wie man damals so schön sagte, paletti sein – wären da nicht die unheimlichen Visionen von einem dunklen Zwilling in Mönchskutte, die Dominic heimsuchen. Als er sich aufmacht, um seine tot geglaubte Mutter aufzuspüren und die Wahrheit über seine Herkunft herauszufinden, verzweigt sich der Plot in diverse mehr oder weniger abstruse Richtungen, bei denen zumeist – wenig überraschend bei LaBruce – der visuelle Effekt die Logik trumpft.

Dominics Mutter lebt mit ihrer Gefährtin Irene im Wald

Zugegeben, im Vergleich zu Die Misandristinnen, LaBruce‘ wunderbar trashiger Parodie über eine radikalfeministische Terrorzelle in Brandenburg (unsere Filmkritik), fällt der lesbische Inhalt diesmal eher spärlich aus. Doch immerhin hat der kanadische Queercore-Kultregisseur mit dem Handlungsstrang rund um Dominics Mutter Beatrice, die als Hippie-Hexe an der Seite ihrer jungen (oder alterslosen?) Gefährtin Irene im Wald lebt, eine schöne lesbische Love-Story mit ernsten Untertönen eingebaut.

Nach und nach erfährt man, dass Beatrice (charismatisch gespielt von Tanya Kontoyanni) einst die Kinder entzogen wurden, weil sie in einer lesbischen Beziehung lebte – ein Trauma, das bis in die Erzählgegenwart nachwirkt.

Den Trailer gibt's leider nur im englischen Original:

Lust, Ekel und Komik liegen dicht beieinander

Überhaupt hat LaBruce ein Talent dafür, gesellschaftlich relevante Thematiken nonchalant zwischen provokante Sex-Szenen und Camp-Ästhetik zu schieben: In einem weiteren Handlungsstrang etwa sehen wir Dominics Doppelgänger, einen kettenrauchenden jungen Mönch, der zu Katalogen für Männerunterwäsche masturbiert und sich dabei selbst geißelt – während parallel dazu ein Missbrauchsskandal im Kloster aufgedeckt wird.

Wie gewohnt liegen Lust, Ekel und Komik bei LaBruce dicht beieinander; und da er seine Wurzeln nun mal im DIY-Porno hat, werden im Lauf des Films dann auch so ziemlich alle denkbaren sexuellen Konstellationen durchgespielt, egal wie unwahrscheinlich sie anmuten mögen. Wobei Inzest in diesem Fall natürlich total okay ist, solange er einvernehmlich stattfindet. Auf diese Weise erhalten sowohl der Kraftausdruck „Go fuck yourself“ als auch das Konzept der Regenbogenfamilie noch einmal ganz andere, ungeahnte Bedeutungsebenen.

Wunderbar eingefangene Ästehtik der frühen 70er-Jahre

Im Mittelteil weist der Film ein paar Längen auf, und die Beziehung zwischen Beatrice und Irene hätte mehr Exploration verdient. Aber LaBruce setzt nun mal eher auf Camp, Splatter und Sex denn auf Tiefenpsychologie. Die Atmosphäre und Ästhetik der frühen 70er Jahre fängt Saint-Narcisse jedenfalls wunderbar ein, von den neonbeschienenen Straßen Quebecs bis hin zu den Kristall-Mobiles und gedeckten Erdtönen in der Waldhütte von Beatrice und Irene.

Wie zu erwarten werden nackte, gut gebaute Männerkörper in Saint-Narcisse weitaus mehr zelebriert als Frauenkörper oder lesbischer Sex – doch da Lesben ja laut populärem Wissen durchaus auch auf Schwulenpornos stehen, muss das nicht unbedingt ein Manko sein.

Saint-Narcisse (Kanada 2020), Regie: Bruce LaBruce, mit Félix-Antoine Duval, Tania Kontoyanni, Alexandra Petrachuk, Andreas Apergis u.a., 101 Min., Kinostart: 25. November

 

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