Princess Charming

Princess Charming oder: Wie macht man eine gute lesbische Datingshow?

17.8.2022 - „Princess Charming“, im letzten Jahr ein Hit in der queeren Community, erntete in Staffel 2 viel Kritik. Was RTL daraus lernen kann und wie eine unterhaltsame lesbische Datingshow aussehen könnte.

Von Karin Schupp

17.8.2022 - Es war einmal eine Sendung über eine Villa voller lesbischer und bisexueller Singles, die um eine Prinzessin buhlen. Dieser Sendung namens Princess Charming gelangen zwei fast unvorstellbare Dinge: 1) die sonst so kritische lesbische Community zu begeistern und 2) zu beweisen, dass eine Datingshow nicht zwingend schlimmer Trash-TV sein muss.

Das war vor einem Jahr. Doch nach dem Start der zweiten Staffel im Juni kippte die Stimmung - zumindest in den sozialen Medien - schnell: Falscher Cast, falsche Princess, falsche Themen oder der falsche Umgang damit und das Ganze noch dazu langweilig, hieß es zunehmend enttäuscht und wütend.

Auch einige Teilnehmende, die eigentlich euphorisiert nach Hause gereist waren, schlossen sich der Kritik an und beklagten sich dabei - anders als sonst nach Realityshows gerne üblich - nicht etwa über die Darstellung ihrer eigenen Person und auch explizit nicht über die Produktions-Crew vor Ort, sondern über die inhaltliche Ausrichtung der Show. Was genau ist hier bloß schief gelaufen?

Fokus auf die Princess statt auf queere Themen

RTL hat, so könnte man sagen, nichts anderes getan, als die Kernidee der Sendung umzusetzen: eine „Prinzessin“ an die Frau zu bringen und sich auf den Wettkampf um ihr Herz zu fokussieren. Auf der Strecke blieben dabei aber stärker als in Staffel 1 die spannenden LGBTQ-Themen und das warme Gemeinschaftsgefühl im Haus, das uns allen so gut tat. Dabei gab‘s auch in Staffel 2 beides, wie die Kandidatinnen anschließend berichteten.

Verstärkt wurde der Eindruck dadurch, dass manche Themen wiederholt und noch dazu von außen aufgedrückt wurden (Vulva) und andere allzu schnell abgehakt waren (Konsens). Und vielleicht auch dadurch, weil Princess Hanna nicht so begeisterte wie erhofft – dazu gleich mehr.

Aber auffällig war schon, dass die Show im Vergleich zu Staffel 1 mainstreamisiert wurde und klar in Richtung Romantik, Liebe und Female  Empowerment gehen wollte - und das auf Kosten queerer Diskussionen (oder gar Kontroversen). Dadurch wirkte der Cast viel unreflektierter, als er‘s tatsächlich war, und all diejenigen, die sich nicht für Hanna interessierten, blieben blass im Hintergrund (außer Dora, die von ihrer zarten Villa-Romanze mit Paula profitierte).

Längst nicht alle begeisterten sich ordnungsgemäß für die Princess

Das größere Problem für die Produktionsfirma war aber vermutlich, dass sich Hanna vor der Kamera nicht die temperamentvolle, freche Herzensbrecherin war, die sie im echten Leben offenbar ist; dass sie sich schon früh auf die spätere Gewinnerin Jessi festgelegt zu haben schien (yeah, Liebe! Aber wie soll‘s da spannend bleiben?) und längst nicht alle Kandidat:innen ordnungsgemäß Feuer und Flamme für sie waren – und das auch unüblich deutlich zeigten; überdurchschnittlich viele verließen sogar freiwillig das Haus oder beantragten selbst ihren Rauswurf.

Es war wohl auch dieser fehlende Spannungsbogen, der die Aufmerksamkeit auf Defizite der Sendung lenkte. Und da half es nichts, dass am Ende tatsächlich die Liebe gewann, und aus Hanna & Jessi – anders als Irina & Lou in Staffel 1– tatsächlich ein Paar wurde. Und geht’s darum nicht eigentlich in Princess Charming?

Nicht explizit „für uns“- und unsere unterschiedlichen Geschmäcker

Es gibt Grund zu der Annahme, dass RTL die lesbische Kritik entweder nicht versteht oder – und jetzt müsst ihr stark sein! – sie nicht so wichtig nimmt. Denn es ist kein Geheimnis, dass Princess Charming nicht explizit „für uns“ gemacht wird, sondern ein möglichst großes Publikum erreichen will, und das sind auch oder sogar vor allem: Heteros.

Einen Lesben-Hit zu haben, macht den Sender weniger glücklich als hohe Abrufzahlen bei RTL+ und gute Einschaltquoten bei Vox (was allerdings mit Princess Charming nicht mal mit einem Sendeplatz um 0:30 Uhr klappte). Und dafür sind wir nun mal zu wenige, selbst wenn wir einen einheitlichen Geschmack hätten, was definitiv nicht der Fall ist.

Viele von uns sind tatsächlich das typische Datingshow-Publikum, das wegen der großen Gefühle und dem erhofften Happy End schaut. Viele sind hingegen stärker an den Personen, Geschehnissen und Themen im Haus interessiert (aber nicht an Zoff und Krawall – ein häufiges Sehmotiv von Hetero-Trash-TV), viele schauen normalerweise gar keine Realityformate und haben eine entsprechend geringe Toleranzschwelle, und während die einen gerne etwas Lehrreiches mitnehmen, wollen die anderen – ja, durchaus auch Lesben! - lieber eine unterhaltsame Datingshow als eine „Aufklärungssendung“ sehen. 

Was RTL gelernt hat: Nie wieder eine kurzhaarige Princess casten

Dass Staffel 1 fast alle unserer mannigfaltigen Erwartungen erfüllen konnte, war vermutlich nur ein glücklicher Zufall - dass Staffel 2 es nicht tat, war’s wohl eher nicht. Und wenn nach dem erfolgreichsten Start aller Prince & Princess Charming-Staffeln (Quelle: RTL) die Abrufe nicht noch deutlich bergab gingen, hat der Sender wenig Grund, inhaltlich etwas zu ändern. Außer dass wahrscheinlich nie wieder eine kurzhaarige Princess gecastet wird (woran wir selbst Schuld sind, weil viele Kandidatinnen das als Auschlusskriterium nannten - was ist eigentlich das Problem mit kurzen Haaren?!?).

Dabei gibt es gute Optionen für eine Datingshow, die mehr Wünsche befriedigt als nur die Suche nach der einen großen Liebe (was bei Bachelor & Co. ohnehin noch nie wirklich geklappt hat!) und nicht nur ein Spezialprogramm für die queere Bubble ist.

Wieso eine künstlich überhöhte Princess, in die sich glaubwürdigerweise doch immer nur eine Minderheit des Casts verlieben wird? Wieso bindet sich RTL an dieses selbst auferlegte Korsett, anstatt die einmalige lesbische Chance zu nutzen, das Feld für alle zu öffnen und am Ende mehr als nur ein glückliches Paar zu haben?

Princesses Charmings statt redundantes Kreisen um eine Person

Schließlich haben wir hier 20 paarungswillige queere Singles, die nur allzu offen dafür wären, sich auch anderswo im Haus umzuschauen. Auch die Princess würde sich sicherlich freuen, mit in der Princesses Charmings-Villa zu wohnen (von mir aus kann ja ein besonderer Anreiz erfunden werden, sie zu erobern, aber wenn sie die Begehrenswerteste ist, müsste das ja auch von ganz alleine passieren!). Oder gleich ganz ohne Prinzessin: Die Datingshow Are You The One? (ebenfalls bei RTL+), in der 20 Personen ihr - vor der Staffel determiniertes - „perfektes Match“ finden müssen, ist doch geradezu geschaffen für eine lesbische Ausgabe.

Durch die Chancengleichheit für alle würde sich die Stimmung im Cast entspannen, es würde mehr passieren, und wir würden die Kandidat:innen und ihre interessanten Storys besser kennen lernen. In Staffel 2 hätten wir etwa miterleben können, wie es Amelia nach dem übergriffigen Kuss von Hanna wirklich ging, wie Sabchos Lernkurve im Haus verlief und wie Caro von Kim und Kathi das „Gendern“ beigebracht bekam - anstatt das erst aus ihren Interviews danach zu erfahren. Mit anderen Worten: Mehr und bessere Unterhaltung als das redundante Kreisen um die Princess.

Authentizität und Ehrlichkeit: wertvolle Güter im Reality-Genre

Und ein weiterer großer Pluspunkt von Princess Charming sollte mehr genutzt werden: Fast alle Teilnehmenden machten nicht - wie man das aus Heteroformaten kennt - für „den Fame“ mit (= Social Media-Bekanntheit, Start einer Karriere als „Reality-Star“), sondern vor allem, um eine gute Zeit unter Lesben zu haben und ihre Themen sichtbar zu machen.* Das bedeutet: kein Verbiegen vor der Kamera, Ehrlichkeit und Authentizität – eigentlich unfassbar wertvolle Güter im Reality-Genre!

Und, ach ja, queeres Fachpersonal hinter den Kulissen - und nicht nur eine Person! - sollte mittlerweile selbstverständlich sein! (Übrigens: Wir sind es - anders als umgekehrt - gewöhnt, auch die Heteroperspektive mitzudenken!)

Welche Sendung auch immer im nächsten Jahr kommt: Wir sollten nicht mit überhöhten Erwartungen rangehen – es handelt sich schließlich immer noch um eine mainstreamige Unterhaltungsshow eines Privatsenders.

RTL aber sollte die regenbogenfarbenen Zeichen der Zeit erkennen: Mit so einem offenen und motivierten lesbischen Cast ließe sich doch so viel mehr erzählen! Andernfalls steuern wir auf ein Princess Charming zu, das vom Bachelor bald nur noch durch die verordnete Person des Begehrens zu unterscheiden ist - und das will doch wirklich niemand!

* Wichtiger Tipp: Bitte verschießt euer Pulver nicht gleich in den ersten Tagen, denn dann muss aus Zeitgründen zwangsläufig viel Gutes unter den Tisch fallen!

 

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